Nachrichten zur Wettbewerbslage

"Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!"

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„Wiederbewaldung eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“

Zwar waren deutlich mehr Mitglieder zum Landesjägertag nach Neuss gekommen, als dies noch bei der Corona-geschwächten 2022er Ausgabe in Dortmund der Fall war. Klar dreistellig ist die Anzahl der Anwesenden am 3. Juni dann auch mit Sicherheit gewesen, die angepeilte 1000er Marke wurde wie allerdings schon beim letzten Treffen vor Corona-Zeiten deutlich verpasst.

Der stellvertretende Bürgermeister sowie der Landrat des Kreises Neuss waren noch recht einfach zu begrüßen, schwieriger wurde es dann mit der stellvertretenden Vorsitzenden und den –mitgliedern des Ausschusses mit dem sehr langen Namen, der die Begrüßung der Ehrengäste des Landesjägertags zum einen etwas gar in die Länge zog, zum anderen in der Anmoderation für den einen und anderen Sprachstolperer sorgte. Honni soit, qui mal y pense, wurde in der ganzen AULNV-Begeisterung dann auch noch fast RLV-Präsident vergessen, immerhin nach Geerlings und Petrauschke Grußwort-Sprecher Nummer drei.

Bernhard Conzen, als Jäger, Landwirt und langjähriges RLV-Mitglied in vielerlei Hinsicht selbst betroffen von den Anfang Juni in Neuss diskutierten Herausforderungen, konnte gewissermaßen schon allein von Amts wegen deutlich fundierter Stellung beziehen als seine beiden Vorredner, die sich mehr oder weniger auf die Betonung der Schönheiten ihrer Heimat beschränkten. Der RLV-Präsident schlug einen weiten Bogen vom konstruktiv geprägten Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Jagd hin zu einer zumindest in Teilen „empörungsbereiten Gesellschaft“ und war schnell beim Jahr 2018, dem Jahr, in dem in NRW erste Wolfsindividuen standorttreu wurden.

Aufmerksamen LZ-Lesern wird nicht entgangen sein, wie sich die Konfliktsituation seither verschärft hat. Angesichts dessen, dass mangels Entnahmemanagements wie bspw. in Frankreich die Freilandhaltung in betroffenen Regionen in ihrer Gesamtheit bedroht ist, forderte Conzen einmal mehr eine kritische Überprüfung unseres Umgangs mit dem größten Raubtier aus der Familie der Hunde. Auch die Präsidentin des Landesjagdverbands NRW kam um das Thema Wolf nicht umhin. Die gemeinsamen Interessen von RLV und LJV wurden dabei mehr als deutlich.

Nicole Heitzig erinnerte in ihren jagdpolitischen Ausführungen am Beispiel der Kitzretter aber auch an die „Rendite“, die die Jägerinnen und Jäger der Gesellschaft zurückgeben würden und ermahnte die Anwesenden, dass „wie wir jagen und auftreten“ maßgeblich über die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd entscheiden würde. Nach Funktionsträgern, Präsident und Präsidentin kam dann die in NRW auch für die Jagd zuständige Ministerin ans Wort und brachte, gewissermaßen als Dank für diese „Rendite“ ihre Wertschätzung gegenüber den Leistungen der Jägerinnen und Jäger zum Ausdruck.

Silke Gorißen appellierte an die Jägerschaft, bei der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe einer nachhaltigen Wiederbewaldung und dem Aufbau klimastabiler Wälder nicht nachzulassen. Forst und Jagd seien dabei Partner, „Wild und Wald“ gleichrangig. Die Wiederbewaldung und die Schaffung klimaresilienter Wälder bezeichnete die Ministerin als „eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“. Zugleich versprach Gorißen den Jägern Planungssicherheit. Sie verwies darauf, dass keine Novelle des Landesjagdgesetzes geplant sei. Was die Afrikanische Schweinepest angehe, sei man in NRW für den Ernstfall gut vorbereitet und in Sachen Digitalisierung der Verwaltung kündigte Gorißen an, dass die Jagdscheinverlängerung und die Jagdstreckenerfassung zunehmend online erfolgen sollen.

Im Hinblick auf den Einsatz technischer Innovationen und die Ausweitung der Jagdzeiten für Reh- und Schwarzwild appellierte die Ministerin an einen verantwortungsvollen mit den neuen Möglichkeiten. Denn auch Gorißen konnte keine Entwarnung geben: Jägerinnen und Jäger stünden nun einmal unter besonderer Beobachtung der Gesellschaft. Was den Wolf angehe, seien kurzfristig keine Lösungen zu erwarten und werde sich das Problem eher noch verschärfen. Es bestünde zwar ein Austausch mit dem für den Wolf in der Landesregierung zuständigen Umwelt-Ressort, die Ansichten seien aber zu unterschiedlich für schnelle Fortschritte. Fast wünschte man sich, dass unser ebenfalls jagdlich aktiver Landesvater ja mal ein Machtwort sprechen könnte.

Traditionell werden auf dem Landesjägertag auch eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen verliehen: Den Biotophegepreis 2023 der Wildtier- und Biotopschutz-Stiftung NRW konnte der Hegering Agger-Sieg in der Kreisjägerschaft Rhein-Sieg für das Projekt „Bestandserhalt und Renaturierung eines Heidemoor-Gagelstrauchbiotops“ einheimsen. Den Lernort Natur-Preis 2023 erhielt die Kreisjägerschaft Bottrop für das Projekt “Natur on Tour”.

Nach der Mittagspause betonte Deutschlands wahrscheinlich einziger Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft in seinem Vortrag zum Thema „Wald und Wild“, dass der derzeitige Fokus bei der Wiederbewaldung viel zu sehr auf die Wilddichte gerichtet sei. Doch der Ansatz „je mehr ich jage, desto weniger Schäden habe ich“, funktioniere nicht, so Sven Herzog. Sein Appell: „Großflächig denken – kleinflächig jagen“ und empfahl, die Schwerpunktbejagung als Konzept im Waldbau zu integrieren.

Bei Kalamitätsflächen sollte es weniger als Risiko sondern als Chance erachtet werden, auf einem Teil der Fläche „Wildnis“ zuzulassen. „Und warum nicht auf weiteren 5 % der Fläche eine Wildacker einsäen?“ Reiche die Lebensraumkapazität aus und würden trotzdem Schäden auftreten, sei dies ein Zeichen für einen falschen Umgang mit der Wildart. Herzog zufolge sei bspw. Sommerschäle beim Rotwild zu 90 % ein Indiz für falsche Bejagung. Jagdstrategien gelte es dabei stets mit anderen Planungen, insbesondere forstlichen, abzustimmen.

Tim Jacobsen

Superlativ am Rhein

Der Name Engelhorn ist in Mannheim allgegenwärtig. Anfang des Jahres 1890 eröffnete Georg Engelhorn sein erstes Ladengeschäft im an den Mannheimer Planken gelegenen Quadrat O 5 – bis heute ist der Familienname in der Region ein Synonym für gehobene Einkaufserlebnisse. Ein anderer Engelhorn war nichts weniger als der Namensgeber für das Mitte des 19. Jahrhunderts höchsten Hochhauses der Bundesrepublik Deutschland. Das Friedrich-Engelhorn-Hochhaus musste 2013 zwar wegen schwerer Bauschäden abgerissen werden, Engelhorns Verdienste, die auch auf das Jahr 1865 zurückgehen, ficht das allerdings in keinster Weise an: vor ziemlich genau 158 Jahren gründete der Goldschmied und spätere Bürgerwehroberbefehlsinhaber in Mannheim die Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF), deren Werksgelände dann allerdings auf der anderen Rheinseite gelegenen pfälzischen Ludwigshafen am Rhein angesiedelt wurde.

Und das kam so: Da infolge der durch die 1848er Revolution ausgelösten Wirtschaftskrise Engelhorns Goldschmiedewerkstatt in Schwierigkeiten geriet, suchte er sich im Sommer desselben Jahres ein anderes Betätigungsfeld. Mit zwei Partnern gründete er ein Gaswerk, das ebenfalls im Jahr 1848 die Produktion aufnahm. Und statt sich über den bei der Herstellung von Leuchtgases unweigerlich entstehenden Steinkohlenteer zu ärgern, synthetisierte er kurzerhand Anilin-Violett und andere Farbstoffe daraus, was 1861 zur  Anilinfarbenfabrik Dyckerhoff, Clemm und Comp führte. Da für die Produktion der Anilinfarben verschiedene Säuren benötigt wurden, erkannte Engelhorn schnell, dass sich die Gewinne erheblich steigern ließen, wenn der gesamte Fertigungsprozess vom Rohstoff zum Endprodukt in einer Hand liegen würde. Nachdem die angestrebte Zusammenarbeit mit dem Verein Chemischer Fabriken scheiterte, entschied sich Engelhorn dazu, die Produktion der Ausgangsstoffe in Eigenregie vorzunehmen.

Zusammen mit acht Teilhabern gründete er im April 1865 die Badische Anilin- & Soda-Fabrik (BASF). Da das bisherige Produktionsgelände zu klein wurde, wollte Engelhorn ein Grundstück am linken Neckarufer, auf der Mannheimer und damit badischen Rheinseite erwerben. Der Stadtrat war einverstanden, doch das letzte Wort hatte ein Bürgerausschuss. 42 Stimmen waren für den Verkauf des Geländes an die BASF, 68 dagegen. Noch am Nachmittag des 12. April 1865 ging Friedrich Engelhorn bei den Bauern auf der Ludwigshafener Rheinseite auf Einkaufstour. Anschließend machte er sich zügig an den Aufbau der Fabrik. Ein Glücksfall, wie sich noch öfters bestätigen würde. Nicht nur gab es linksrheinisch Platz satt, vergleichsweise früh wurde Ludwigshafen auch Schienen-mäßig erschlossen. Heutzutage werden auf dem zehn Quadratkilometer großen Werksgelände um die 39 000 Menschen beschäftigt.

Hintern den sieben Rheinkilometer, über die sich das Produktionsgelände erstreckt, verbergen sich rund 106 km Straße, 230 km Schiene und drei Bahnhöfe. Nicht weniger als 2850 Kilometer oberirdische Rohrleitungen sind auf dem größten zusammenhängenden Chemieareal der Welt verlegt und sorgen für kurze Wege beim Transport von Produkten und Energie. Wie die Rädchen ineinander greifen lässt sich am besten auf der Werkrundfahrt „Nachhaltigkeit in der Chemiestadt BASF“ in Erfahrung bringen. Wer dann noch wissen will, wie die Frische in die Zahnpasta kommt und was Sofas weichmacht, ist im 2000 m2 Visitor Center mit all seinen Wow-Momenten gut aufgehoben. Wer gerne Wein trinkt, sollte einen Stop in der BASF-eigenen Weinkellerei machen. Seit 1901 versorgt die gutsortierte Auswahl edler Tropfen Gesellschafter, Gäste und Mitarbeitende gleichermaßen.

Sechs Buslinien und rund 13000 charakteristisch rote Fahrräder sorgen dafür, dass alle auch an ihre Arbeitsplätze kommen, ausgebremst werden können sie allenfalls von den sog. AGVs. Die 16,5 m langen automated guided vehicles können bis zu 78 t transportieren. Voll automatisch dann auch das TCL, das sog. Tank Container Lager. Im Jahr 2000 ging das KVT, also das Kombiverkehrsterminal in Betrieb, seitdem wurden dort deutlich mehr als 6 Mio. Container umgeschlagen. Wenig bekannt ist, dass Ludwigshafen und die auf der anderen Rheinseite befindliche Produktionsstätte auf der durch die Rheinbegradigung entstandenen Friesenheimer Insel mit einem sich in 13 m Tiefe liegenden, begehbaren und 770 m langen Tunnel miteinander verbunden sind – eine der wenigen Unterquerungen des Rheins.

Im Nordhafen, einem von drei Häfen am Standort Ludwigshafen, kommt ein Großteil der benötigten Rohstoffe an. Eine Druckluftölsperre verhindert im Fall der Fälle den Austritt von Öl aus dem Hafenbecken. Aus Naphtha wird dann in sog. Steamcrackern unter anderem Ethen gewonnen, ein wichtiger Ausgangsstoff. Ohne den Steam Cracker 2, der ungefähr 13 Fußballfelder groß ist, läuft in Ludwigshafen so gut wie nichts. Rund vier Fünftel allen Inputs findet sich in irgendeiner Art von BASF-Produkt wieder, das restliche Fünftel wird thermisch verwertet. Mehrere Kraftwerke sorgen für die Stromversorgung des Verbundwerks, rein rechnerisch verbraucht der Standort Ludwigshafen ein Prozent des deutschen Stroms. Bis 2050 soll das Werk klimaneutral werden, bis dahin wird noch der eine und andere Kubikmeter Gas in Strom und Dampf verwandelt werden.

Nicht weiter verwunderlich ist Energie dann auch ein heikles Thema. Als Reaktion auf die Energiepreiskrise hatte BASF Anfang des Jahres bekannt gegeben,  etwa zehn Prozent seiner Anlagen am Stammsitz in Rheinland-Pfalz stilllegen zu wollen. Etwa 2500 Stellen sollen allein in Ludwigshafen wegfallen. Eine energieintensive Ammoniak-Anlage und damit verbundene Düngemittelanlagen sollen den Saprmaßnahmen zum Opfer fallen, die Nachfrage soll künftig vom belgischen Antwerpen aus bedient werden. Auf der letzten Bilanzpressekonferenz verwies BASF-Chef Martin Brudermüller darauf, dass die gesamte Chemieproduktion in Europa im vergangenen Jahr zurückgegangen sei. Machte das Geschäft in Deutschland im Jahr 2015 noch etwa ein Drittel der Gewinne von BASF aus, sei es im zweiten Halbjahr 2022 infolge der hohen Energiekosten defizitär gewesen.

Bilanztechnisch ins Kontor geschlagen haben auch die milliardenschweren Abschreibungen auf die Beteiligung am Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea. Statt 5,5 Mrd. € Euro Gewinn wie im Jahr zuvor 2022 dann ein Verlust von rund 1,4 Mrd. €. Gleichzeitig bekannte sich Brudermüller zum Stammsitz Ludwigshafen: „Wir bleiben dem Standort treu, allem Abwanderungsgerede zum Trotz und auch mit Mut zur Weiterentwicklung.“ BASF sei auf einem sehr guten Weg hin zu einer klimafreundlicheren Produktion, setze beispielsweise mehr und mehr erneuerbare Energien ein. „Doch dafür sind wir in hohem Maße von externen Faktoren abhängig“ und verwies auf den Ausbau erneuerbarer Energien und der Wasserstoffinfrastruktur. Dem Vernehmen nach investiert BASF derzeit allein zehn Milliarden Euro in einen neuen Verbundstandort im Süden Chinas – nach dem Vorbild des Werks in Ludwigshafen – oder wie Brudermüller es nennt: man könne nicht „halbschwanger“ sein.

Tim Jacobsen

Hajo, des wisse mer doch, dass Monnem halt schee is

Vor ziemlich genau zehn Jahren stimmten die Mannheimer ab: Soll in ihrer Stadt die Bundesgartenschau 2023 stattfinden – ja oder nein? Klar war: Mannheim hatte mit mehr als 500 ha brachliegendes Gelände mehr oder weniger mitten in der Stadt ein wahrhaft großes Problem, das gleichzeitig ebenso unglaubliche Chancen bot. Riesige Flächen, ein spätes Erbe der US Army, konnten ein Grünzug, ein Naherholungsgebiet, eine Frischluftschneise, ein attraktives Wohnumfeld mit Gewerbe werden – der Phantasie waren kaum Grenzen gesetzt.

Eine Bundesgartenschau als „unterstützende Maßnahme“ käme da wie gerufen, dachte sich der Gemeinderat und stimmte im Februar 2013 einstimmig für die Bewerbung der Stadt. Basis war eine Machbarkeitsstudie, die in den eineinhalb Jahren zuvor gemeinsam mit Bürgern erarbeitet und im Oktober 2012 vorgestellt worden war. Die Bewerbung glückte. Doch plötzlich formierte sich Widerstand in der Bürgerschaft. Unzählige Artikel und Leserbriefe wurden geschrieben, Abgeordnete per Facebook, Email und Twitter mit Fragen gelöchert. Um Ruhe in die unruhevolle Dynamik zu bringen, beschloss der Gemeinderat, die Bürger selbst entscheiden zu lassen.

Die Befürworter der blühenden Landschaften erinnerten an die erfolgreiche Bundesgartenschau von 1975 und bekamen am Ende Recht. Dass eine Buga heutzutage keinesfalls mehr ein Selbstläufer ist, zeigt das Beispiel Rostock. Auch dort sollte die Bundesgartenschau der Booster für die Stadtentwicklung werden. In rund 70 Jahren Bundesgartenschau-Geschichte ist die 2025er Ostseeedition nun die erste Buga überhaupt, die abgesagt wurde. Nach einem etwas zähen: sie kommt, sie kommt nicht, sie kommt, sie kommt nicht, soll die letzte Abschlagszahlung der Hansestadt an die Deutschen Bundesgartenschaugesellschaft bei einer Viertelmillion Euro gelegen haben, womit Insidern zufolge die Stadt noch ganz gut weggekommen sein soll.

Auf die IGA 2027 Metropole Ruhr wird dann 2029 „Willkommen am Wasser“ im Oberen Mittelrheintal folgen. Ob dann zeitweise wieder mehr über schwarze Perücken, Kimonos, Sombreros und Ponchos als über das eigentliche Ereignis diskutiert wird, bleibt abzuwarten, stiehlt aber wie im Fall von Luisen- und Spinelli-Park dem eigentlichen Großereignis die Aufmerksamkeit. Es ist kein großes Geheimnis, dass die Quadratstadt Mannheim vielleicht nicht unbedingt Deutschlands schönste Metropole ist, gewinnt sie doch hauptsächlich durch das noch etwas tristere Ludwigshafen, verliert aber deutlich gegen das Neckar aufwärts gelegene Heidelberg.

Warum Mannheim eigentlich keine Schönheit sein kann, ist schnell erklärt: Die vom holländischen Festungsarchitekten Bartel Janson entworfene und ab 1606 gebaute Stadt war noch im Teenageralter, als Heerführer Tilly während des Dreißigjährigen Krieges die Mauern beschoss. Zuletzt ging fast die gesamte Innenstadt im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs unter. Vielleicht war das ein Grund, warum Mannheim lange Zeit eher touristisches Brachland war, in das sich höchstens Geschäftsreisende verirrten. Nun soll die Buga23 von Mitte April bis Mitte Oktober rund zwei Millionen Besucher in die Stadt bringen.

Marco Polo kürte im Oktober vergangenen Jahres Mannheim gar zum Top-Reiseziel für 2023. Buga klinge zwar „nach Reisebussen und Old-School-Blumenanstarren“, heißt es darin, doch die Schau triggere auch die Städtebau-Aktivität, neben dem Spinelli-Park zwei weitere Ergebnisse der Bemühungen: eine Seilbahn und eine nicht ganz plangerecht fertiggestellte Unterwasserwelt. Und so ist die Buga23 dann wie die Stadt selbst: der Kontrast zwischen barockem Luisenpark und zerfranster Vorstadtlandschaft auf dem Militärgelände zeigt in beeindruckender Weise die Spannweite des städtebaulich ästhetisch Möglichen.

Wem bei all dem eher Plakativen der intellektuelle Tiefgang fehlt, ist dann wiederum in der 1909 gegründeten Kunsthalle bestens aufgehoben. Dass alles mit allem zusammen hängt, ist schon lange kein Geheimnis mehr, wie eng die Vernetzungen sind und wie stark der Einfluss der Erderwärmung auf jede Facette des Lebens ist, untersucht die Ausstellung „1,5 Grad. Verflechtungen von Leben, Kosmos, Technik“. Und wer nun auch damit nichts anzufangen weiß: neben dem Fahrrad, dem Traktor, dem Auto, der Fernwärme wurde auch  das Spaghetti-Eis in Mannheim erfunden – und das schmeckt nicht nur den paar Schnöseln, die in der einstigen Arbeiterstadt gelandet sind und meist BWL an einer in einem Barockschloss untergebrachten Universität studieren.

Tim Jacobsen

Was isst Deutschland?

Wohl jeder hat zumindest in der entfernten Familie jemanden, der, auch wenn er wollte, gar nicht wüsste, wie Nudeln überhaupt gekocht werden – während andere, nicht weniger liebe Verwandte aus Spaghettini oder Spaghettoni einen Glaubenskrieg machen. Pastinaken und Petersilienwurzeln nutzten geschickt die Ge- und Abwöhnung an und von Erdnußbutter, Papaya und Avocados, um aus der Versenkung zurück zu kehren – und so ist in aller Abgedroschenheit an der Beständigkeit des Wandels durchaus etwas dran.

Im Vergleich März 2023 zum selben Monat des Vorjahres sticht zwar mit einem Plus von 27 % Gemüse heraus, richtig viel teurer ist aber mit 71 % Zucker geworden, über den so gut wie niemand spricht. 402 € geben wir alle im Schnitt Jahr für Jahr für Lebensmittel aus; der Anteil des Haushaltseinkommens, der in Polen für Lebensmittel ausgegeben wird, liegt um die Hälfte höher als bei uns.

Der Umsatz mit Biolebensmittel sank im Vorjahr im Vergleich zu 2021 zwar um 3,5 %, lag aber immer noch 25 % über dem von 2019. Interessanterweise war in der letzten Saison der Preisaufschlag für konventionelle Möhren über alle Absatzkanäle hinweg ausgeprägter als für Bioware. Noch extremer: Bei Zwiebeln ging in der zu Ende gehenden Saison konventionelle Ware ab wie Schmitz Katze, die Biokollegen dagegen konnten schon fast froh sein, das konstante Preisniveau der Vorjahre zu halten.

Doof dann auch, wenn die solvente Stammkundschaft das direktvertriebene Ökofleisch nicht mehr zu zahlen bereit ist, sich auf Discounterbio stürzt – und gleichzeitig am 30 % Ziel des Koalitionsvertrags festgehalten wird. Richtig attraktiv wird die Umstellung dadurch nicht, auch wenn Biobauern zumindest von der Preissteigerung für synthetische Dünger nicht betroffen sein sollten. Eier sind übrigens die am häufigsten gekauften Bioprodukte, noch vor Obst und Gemüse sowie Kartoffeln und den Mopros.

Der Ökolandbau schneidet in vielen Dingen besser ab als die konventionelle Landwirtschaft, die Frage, wie groß die Ertragseinbußen sind, scheidet die Geister. Smart Farming könnte eine Art Mini-game-changer werden, der große Wurf wäre allerdings eine Anpassung des EU-Gentechnikrechts. Nicht unbedingt etwas Neues: Schon die Urbios diskutierten darüber, ob nicht Molekularbiologie geradezu dafür gemacht wäre, den nicht chemisch unterstützen Pflanzen in ihrem Überlebenskampf alle denkbaren Vorteile zu bieten. Seinerzeit soll die Stimmungslage ungefähr fifty-fifty gewesen sein.

Letztendlich ist das Ganze aber mehr eine Art Scheindiskussion angesichts dessen, dass von 50 m2, die es braucht, um ein Rind 1 kg schwerer werden zu lassen, standortabhängig eben auch bis zu 2,5 dt Kartoffeln abgefahren werden können. Seit dem Jahrhundertwechsel ging der Milchkonsum bei uns um rund ein Zehntel zurück, die Alternativen aus Hafer, Soja und Mandel eroberten 5,5 % Marktanteil.

Erfreuliche 72 % der Deutschen greifen täglich zu Obst und Gemüse, wieder einmal sind die Frauen mit 81 % vernünftiger als die Männer mit 63 %. Fleisch gibt es bei 19 % unserer Frauen jeden Tag, hier liegen die Männer mit 31 % deutlich darüber. Mit unseren durchschnittlich 52 kg Fleischkonsum liegen wir zwischen den 4 kg in Indien und den 110 kg in Amerika, Australien und Argentinien irgendwo in der Mitte.

Die Beliebtheit von Suppen und Eintöpfen steigt mit dem Alter, beim Ketchup ist es andersrum. Frauen trinken mehr Kräutertee als Männer und Männer viermal so viel Alkohol. 78 kg Lebensmittel werfen wir alle durchschnittlich weg und von den 7,4 % der Treibhausgasemissionen, die auf die Landwirtschaft entfallen, stammen zwei Drittel aus der Tierhaltung.

Gut die Hälfte Deutschlands wird in der einen oder anderen Form bewirtschaftet und so wird schnell klar, dass Insektenhotels hier und bestäuberfreundliche Blüten da allenfalls Kosmetik sein können und es vor allem mehr Diversität in der Fläche braucht.

Insekt ist dabei nicht gleich Insekt, mit rund einer Million Arten sind Insekten die artenreichste Tiergruppe überhaupt. Andere Länder, andere Sitten: während nicht nur in Bayern Insekten eher langsam Eingang in unsere Speisekarten finden werden, sind sie für rund ein Viertel der Weltbevölkerung der Proteinlieferant schlechthin.

Vielleicht kommen wir aber auch noch einmal mit einem blauen Auge davon – zumindest was die Insekten angeht. Wer schon einmal einen Vorgeschmack darauf bekommen möchte, wie es gehen könnte, die bis 2050 wahrscheinlich 10 Mrd. Menschen zu ernähren, sollte einen Blick in „Eat Good“ wagen.

Auch auf die Gefahr hin, eine der Haupterkenntnisse der Rezeptsammlung zu spoilern: mit den Lancet-Kommissions-Empfehlungs-gerechten 350 g Gemüse und 200 g Obst täglich sollte uns Gärtnerinnen und Gärtnern eigentlich nicht bang vor der Zukunft sein!

Tim Jacobsen

Nachhaltigkeit muss in allen Facetten nachhaltig sein

Eigentlich ist der Rosenanbau ja eine einfache Sache, wie die meisten von Ihnen wahrscheinlich aus eigener Erfahrung wissen. Schwierig wird es, wenn Sie versuchen wollen, damit auch Geld zu verdienen. Und weder Regionalität noch Saisonalität sind ganz neue Erfindungen, vielmehr haben sie bereits den Speiseplan der Jäger und Sammler bestimmt. Relativ neu dagegen ist, dass sesshaft gewordene Menschen zumindest in den sehr wohlhabenden Ländern dieser Welt dann Trick 17, 53 und 86 bedacht haben, um möglichst niemals auf gar nichts verzichten zu müssen.

Und so hat uns die großtechnische Ausbeutung von Erdöllagerstätten nicht nur Nylonstrümpfe und jede Menge anderen Verpackungsmüll beschert, sie machte auch den vor Wetterkapriolen und Klimaperikeln geschützten geschützten Anbau von Schnittrosen überhaupt erst möglich. Befeuert von günstiger Energie und der wirtschaftlichen Prosperität der Wirtschaftswunderjahre schossen die Gewächshäuser in den Nachkriegsjahren wie CDU-geführte Bundesregierungen aus dem Boden. Auf die erste große Koalition unter Kiesinger folgten die Sozialliberalen und der Ölpreisschock. Vier autofreie Sonntage manifestierten, dass die Limits to Growth auf betrieblicher Ebene schneller sichtbar wurden als die Tinte des Clubs of Rome trocknen konnte.

Ein paar pfiffige Gärtner schifften daraufhin nach Teneriffa aus, die ganz Wagemutigen verschlug es nach Ecuador. Hier trafen sie in gewisser Weise auf den Rosengarten Eden. Cayambe liegt auf 3000 Metern ziemlich exakt auf dem Äquator. Die einzigartigen Lichtverhältnisse, die gemäßigten Temperaturen und die fruchtbaren Böden haben Cayambe gewissermaßen zur Welthauptstadt der Rosen gemacht. Manche sagen, dass Rosen nirgends besser gedeihen als dort – und dies mit vergleichbar geringem Aufwand: stehen bei uns High-Tech-Gewächshäuser industriellen Produktionsanlagen in nichts nach, genügen dort ein paar Dachlatten und Plastikfolie. Ein kleines Problem sind die Distanzen. Nun werden Rosen zwar nicht aus Flugscham rot, ein bisschen ein Spaßverderber ist die Entfernung allerdings allemal. Zweites Problem sind die nur aus unserer Sicht niedrigen Löhne in Ecuador.

Kolumbien nahm den Arbeitskosten-Unterbietungshandschuh gerne auf, genauso wie die Berufskollegen in Kenia, die dann wiederum mit Äthiopien einen Billiganbieter in direkter Nachbarschaft hatten. Ganz verschwunden ist der Schnittrosenanbau allerdings auch bei uns nicht. Mit Leidenschaft und zuweilen auch Leidensfähigkeit halten bei uns auf rund 125 ha Gärtnerinnen und Gärtner die Rosen-Stellung, jenseits der deutsch-niederländischen Grenze sind es noch ein paar mehr, von ehemals knapp vierstelligen Anbauzahlen fehlt allerdings auch hier jede Spur. Energie ist auch fünfzig Jahre nach der Ölpreiskrise Aufregerthema Nummer eins, dazu kommt die eher noch weiter auseinandergegangene Lohnpreisschere zwischen uns und dem globalen Süden. Einige haben aufgerüstet, bei Marjoland beispielsweise kommt der Berg zum Propheten.

Manches ist hingegen auch über all die Jahre hinweg relativ stabil geblieben: Neben Sergei Lawrow und Jean Asselborn im Außenministeramt beispielsweise auch die dominierende Rolle der genossenschaftlichen Koninlijke Floraholland, des größten Blumenhändlers der Welt. Bis 2008 war das 700 mal 740 Meter große Aalsmeerer Versteigerungsgebäude mit direktem Flughafenanschluss nichts weniger als das größte Gebäude der Welt – und gleichzeitig der globale Flaschenhals für Ex- und Importe im Zierpflanzenbereich. Es war über viele Jahre eher die Regel als die Ausnahme, dass Blumen aus Südamerika statt der Direttissima über Mittelamerika zweimal Weltmeere überfliegen mussten, bevor sie in Nordamerika Herz und Sinne erfreuen konnten.

Auch wenn die Frage „brauchen wir das oder kann das weg“ für sich genommen spannend zu diskutieren wäre, lässt sich das Ganze auch weniger hoch aufhängen: Wäre denn nicht allen gedient, wenn sich in Absatzmarktnähe unter ähnlichen Umständen wie in Ecuador Rosen produzieren ließen? Die Niederlande sind damit schon einmal raus und auch der Alpennordkamm bei uns kommt an das Tageszeitenklima des nullten Breitengrades nicht einmal Ansatz-weise heran. Luiz Corella ließ sich davon nicht entmutigen. Im fernen Mexiko vom Heimweh nach Spanien und dem Wunsch, die besten Rosen der Welt anbauen zu wollen, gepackt, fand er zwei Autostunden nördlich von Madrid am Oberlauf des Dueros in 1100 Metern Höhe Licht- und Temperaturverhältnisse, die zumindest in Europa ihresgleichen suchen. Dazu die perfekte Anbindung an das europäische Autobahnnetz: 19 Stunden brauchen LKWs von Soria nach Aalsmeer.

Der Businessplan stand 2013. 2015 begannen die Bauarbeiten und im September des Folgejahres wurden die ersten Rosen gepflanzt. 14 ha ist der Neubau groß, verschlungen könnte er um die 50 Mio. € haben. Eine mögliche Verdoppelung der Anbaufläche war von Anfang an Teil des Plans. Es dauerte weniger als zweieinhalb Jahre, bis sich im Januar 2019 mit der Einführung der Premiumsortierung Aleia Máxima die Produktionsprozesse offensichtlich eingespielt hatten. Nahezu zeitgleich mit der Optimierung der Produktionsprozesse begann sich allerdings auch der Himmel über den ansonsten wolkenfreien, Schnee bedeckten Berggipfeln Nordspaniens zunehmend zu verdüstern. Im Sommer 2019 machten Gerüchte die Runde, dass es bei der Entlohnung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei.

Am 16. Oktober 2019 dann die Beantragung des Voluntary Creditor Contests, der trotz Zahlungsschwierigkeiten eine Fortführung der Geschäftstätigkeit erlaubt. Als Ursache für die unternehmerische Schieflage wurde der Rückzug eines Großinvestors benannt. Die US-amerikanische Full Moon übernahm schließlich im Sommer 2020 für wahrscheinlich unwesentlich mehr als ein Zehntel der mutmaßlich ursprünglich investierten Summe den nordspanischen Rosenproduzenten. Am 12. März 2021 wurden an der Veiling Rhein Maas die allerletzten `Red Naomi´-Rosen aus Soria versteigert.

Die letzten Nachrichten, die aus Soria zu hören waren, klingen insgesamt eher nach einer Investitionsruine im ländlichen Raum. Full Moon Investments hatte und hat offensichtlich größere Schwierigkeiten, eine der begehrten Lizenzen für den Anbau von medizinischem Cannabis in Spanien zu bekommen. Zwischenzeitlich waren drei von vier vergebenen Lizenzen in den Händen von Mitgliedern des spanischen Königshauses. Begründet wurde dies damit, dass befürchtet wurde, die Lizenzen könnten reine Handelsware werden, sobald sie in ausländischen Besitz kämen.

Im Fall von Aleia Roses noch viel mehr als bei der „vertically integrated cannabis business development group“ war die gute Idee Vater und Mutter des Gedankens. Einmal mehr zeigte sich aber, dass Nachhaltigkeit aus drei Dimensionen besteht, auf mindestens drei Säulen beruht: Neben Ökologischem und Sozialem darf eben auch die Ökonomie nicht zu kurz kommen. Und vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht, war das Ganze zumindest eine etwas waghalsige Geschäftsidee, also das eine wie das andere.

Tim Jacobsen

Geschichte als Familiengeschichte

Manche haben in der Corona-Zeit Netflix leergekuckt, andere mit Duolingo Koreanisch gelernt, Ewald Frie wiederum begab sich mit Hilfe seiner zehn Geschwister auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. 1962 in eine Münsteraner Bauernfamilie hineingeboren, ist Frie wie neun seiner Geschwister einen Lebensweg außerhalb der Landwirtschaft gegangen. Die Interviews, die er mit seinen Geschwistern führte und die historischen Quellen, die er beim Verfassen von „Ein Hof und elf Geschwister“ zu Rate zog, können in der Ausarbeitung nicht die zuweilen etwas übertrieben wissenschaftlich wirkende Herangehensweise eines Geschichtsprofessors verhehlen, lassen die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch ziehende Dankbarkeit, Bewunderung und Verehrung der eigenen Mutter aber noch viel eindrücklicher erscheinen. Mit dem Stichwort Strukturwandel ließe sich die Familiengeschichte schnell erzählen, dass hinter dem Höfesterben aber auch immer Schicksale, gescheiterte Träume, Beharrungsmomente sowie Entscheidungen für und wider das Richtige stehen, wird einem bei der Lektüre der 191 luftig gesetzten Seiten zum Preis von 23 € deutlich vor Augen geführt.

Tim Jacobsen

Clarkson´s Farm geht in die zweite Runde

Als Jeremy Clarkson im Dezember 2022 eine Kolumne in The Sun veröffentlichte, in der er davon träumte, dass die Frau des Bruders des britischen Thronfolgers eines Tages nackt durch die Straßen des Vereinigten Königreich paradieren und dabei von einer aufgebrachten Menge mit Exkrementen beworfen werde, geriet er nicht zum ersten Mal in das Auge eines veritablen Shitstorms. Clarkson, der sich selbst als „Petrolhead“ bezeichnet, polarisiert und provoziert durch grenzwertige, politisch unkorrekte Äußerungen und mehr als nur satirisch-ironische Seitenhiebe – was vor vielen Jahren bereits dazu führte , dass die altehrwürdige BBC seinen Top Gear-Vertrag nicht verlängerte. Die nicht ganz so kritischen Kollegen von Amazon Prime Video hat er mit seinen zweifelhaften Äußerungen nun ähnlich weit gebracht.

Die zweite Staffel von Clarkson´s Farm war zu der Zeit allerdings bereits abgedreht und auch eine dritte Staffel im Kasten. Dem Vernehmen nach soll danach nun aber auf jeden Fall Schluss sein. Und so lässt sich dann in Zeiten von Cancel Culture ein ungutes Gefühl nicht ganz verheimlichen, was Clarkson allerdings alles widerfährt, bevor er am Ende der zweiten Staffel dann tatsächlich erste Gäste in seinem Hofrestaurant begrüßen kann, ist dermaßen unterhaltsam und aus dem Leben gegriffen, dass es den alltäglichen Wahnsinn auf den Höfen nicht nur im Vereinigten Königreich in kaum zu übertreffender Weise dokumentiert. Um einmal mehr den Spagat zwischen unternehmerischer Freiheit, missgünstiger Nachbarschaft und Auflagen-orientierten Behörden gewissermaßen im Extremform aufzuzeigen, brauchte es ein charmantes Ekel wie Clarkson, der in Clarkson´s Farm das spielt, was er am Besten kann: sich selbst.

Tim Jacobsen

WeGrow macht Namensclaim wahr

Eine Erfolgsgeschichte aus dem Rheinland, die beweist, dass Gutes zu tun nicht unbedingt ausschließen muss, damit auch Geld verdienen zu können: Es ist gerade einmal gut zehn Jahre her, dass Allin Gasparian und Peter Diessenbacher mit einer kleinen Heerschar von Kommilitonen rund 4000 Setzlinge ihres NordMax21® auf einem gut sechs Hektar großen Acker in Sankt Augustin-Birlinghoven pflanzten.

In den Folgejahren entwickelte sich die Kiribaumplantage besonders zur Blütezeit zu einem Anlaufpunkt für Hobbyfotografen und Selbstdarsteller, aber auch die nüchterne Wissenschaft zeigte sich begeistert sowohl von der Geschäftsidee als auch dem Wachstum der Bäume. Nicht umsonst nennt Diessenbacher „seine“ Blauglockenbäume die am „schnellsten wachsenden Bäume der Welt“, allein im Pflanzjahr sind bis zu fünf Meter Höhenwachstum möglich.

Aufmerksam gemacht wurden Gasparian und Diessenbacher auf die Wachstumrakete von einem Mitarbeiter des Botanischen Gartens der Universität Bonn, fast augenblicklich wurde aus ihrer Studentenbude eine Züchtungs- und Anzuchtstation für Kreuzungen verschiedener Paulownia-Arten. 2009 kam es zur Ausgründung, seitdem macht WeGrow auch als Firmengruppe den Namensclaim wahr: in weniger als 20 Jahren von der Fensterbank auf mehr als 120 Mitarbeitende und Geschäftspartner in 37 Ländern.

Letzten Donnerstag nun der große Augenblick: Gasparian und Diessenbacher konnten ihre erste „richtige“ Ernte einfahren: Die Bäume hatten in gut zehn Jahren eine Höhe von 20 m mit einem Stammumfang von 40 cm erreicht. Das hochpreisige Paulowniaholz zeichnet sich vor allem durch sein geringes Gewichtes aus und findet hauptsächlich in der Möbel-, Holzwerkstoffindustrie und beim Bau von Musikinstrumenten sowie Sportgeräten Verwendung.

Der Anbau von Kiriholz ist dabei keine Raketenwissenschaft, wie Diessenbacher erklärt: „Damit Ihre Kiribaum-Plantage erfolgreich wächst, liegt der Schlüssel in der Auswahl des richtigen Plantagenstandortes. Hinsichtlich der klimatischen Bedingungen der Plantage sollten die Temperaturen nie unter -22°C fallen oder für einen längeren Zeitraum höher als 45°C sein.“ Das dürfte für weite Teile Deutschlands zutreffend sein.

Diessenbacher weiter: „Sollte während der Wachstumsphase nicht mindestens 600 mm – 800 mm am besten gut über das Jahr verteilter Niederschlag fallen, sollte über künstliche Bewässerung nachgedacht werden. Paulownia-Plantagen benötigen für das optimale Wachstum zudem einen sandig-lockeren, salzarmen Boden möglichst ohne Staunässe, dessen pH-Wert zwischen 4,7 und 8,3 liegen sollte.“

Volkswirtin Gasparian und Agraringenieur Diessenbacher ergänzen sich beruflich auf das Vortrefflichste und so bleibt dann auch niemand die nackten Zahlen und Daten schuldig.  Auf mehr als 500 ha entstanden Gasparian zufolge in den Jahren seit 2012 in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommer und Spanien Kiri-Plantagen – in Eigenregie oder im Kundenauftrag: „20 000 t CO2 binden diese Bäume rein rechnerisch im Jahr.“

Ebenfalls nicht ganz unerheblich: „Der Jahresumsatz der WeGrow AG lag 2022 bei rund 3,5 Mio. €.“ Wer nun Lust bekommen hat, ebenfalls von der Nachfrage nach dem „Aluminum der Hölzer“ profitieren zu wollen, sollte die Kontaktmöglichkeiten auf www.wegrow.de/ näher studieren – nicht geplant war, dass passend zur ersten Ernte unsere Bafin den Wertpapierprospekt der WeGrow AG freigab und sich noch bis Ende April für alle ohne die entsprechenden Hektar Aktien der WeGrow AG zum Vorzugspreis zeichnen lassen.

Tim Jacobsen

Karnevalsmuffel: die Lösung naht!

Zugegeben: ich bin ein leichtes Opfer, ist doch der Spagat zwischen Zeitung machen und Landwirtschaft wie sie ist und wie sie sein sollte gewissermaßen beruflicher Alltag. Und wer ist nicht neugierig und erfährt gerne mehr darüber, wie sich andere Menschen in einem Leben schlagen, das auch das eigene hätte sein können?

Auch wenn es streng genommen vielleicht gar nicht unbedingt nötig ist, Werbung für ein Buch zu machen, das Woche nach Woche die Bestsellerliste anführt, ist Juli Zeh mit dem einmal mehr Titel-kryptischen „Zwischen Welten“ dennoch ein äußerst vergnüglicher und dringend lesenswerter Roman gelungen, der die Leichtigkeit von Glattauers „Gut gegen Nordwind“ mit den großen Themen unserer Zeit verbindet und zum Nachdenken anregt, ohne dabei penetrant zu werden.

448 Seiten kosten 24 €.

Tim Jacobsen

Bingewatchers aufgepasst

Waren wir nicht alle spätestens nach der 49. Folge von The Affair überzeugt davon, dass Dominic West und Noah Solloway ein und dieselbe Person sein müssen? Dann das: auf einmal sind Dominic West und Noah Solloway Prince Charles – bleibt die Frage: wer ist eigentlich Detective James McNulty?

Tim Jacobsen

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