Im Spannungsfeld zwischen der Produktion von markttauglichem Gemüse und ökologischen Anforderungen taucht regelmäßig das medienwirksame Schlagwort „Gift-Cocktail“ auf. Fast scheint es, als ob auf Gemüse bald ein Warnhinweis ähnlich den Rauchwarenverpackungen angebracht werden müsste und in Restaurants spezielle gemüsefreie Zonen eingerichtet werden sollten.
Nur jeder Dritte Jugendliche stimmt der Aussage zu, dass Bio-Äpfel ein Naturprodukt sind. Bei Tiefkühlspinat ist es sogar nur noch jeder Zwanzigste. Über die Hälfte der befragten Jugendlichen wissen nicht, dass Rosinen ursprünglich einmal an einem Weinstock hingen. Eine Entschuldigung vorzuweisen haben höchstens bayerische Kinder – der Volksmund nennt getrocknete karamellisierte Weintrauben dort süße Fliegen.
Am Himmelfahrtswochenende machten sich die beiden Niederländer Hans van den Bosch und Jan Kohlhaas auf ins niedersächsische Bückeburg, um Gemüse zu verkaufen. Van den Bosch freut sich über die durchweg positiven Erfahrungen, die er dabei gemacht hat. „Dreizehn Jahre zuvor wurden unsere Wasserbomben noch belächelt – heute fragen die Menschen, warum es unsere Produkte nicht überall zu kaufen gibt.“
Auch Rob Baan hat im niederländischen Unterglasanbaugebiet Westland Schwierigkeiten, offene Positionen in seinem Unternehmen zu besetzen. „Die Kinder meiner Mitarbeiter helfen bei uns aus. So werden sie bereits früh mit dem Gedanken vertraut, dass eine Karriere im Gartenbau nichts Ehrenrühriges an sich hat, sondern im Gegenteil die Tür zu einem äußerst facettenreichen Berufsbild öffnet.“
Pflanzenzüchtung ist ein globales Geschäft, was für die daran Beteiligten eine große Anzahl Flugstunden bedeutet. „Wenn es sich hin und wieder ergibt, dass ich Business Class fliege, freue ich mich jedes Mal schon auf den Augenblick, an dem das Gespräch bei der eigenen beruflichen Tätigkeit landet. Gärtner zu sein, assoziieren die meisten mit Schmutzrändern unter den Fingernägeln und weniger mit Unternehmertum“, erzählt Garry Grüber.
„Dreizehn Jahre zuvor wurden unsere Wasserbomben noch belächelt – heute fragen die Menschen, warum es unsere Produkte nicht überall zu kaufen gibt“
Hans van den Bosch
Ähnliche Erfahrungen macht auch Tom Kuipers. Im seit einigen Wochen öffentlich zugänglichen Demonstrationsgewächshaus in Emsbüren sind nicht wenige Besucher überrascht davon, auf welch hohem technischem Niveau heutzutage die Produktion von Schnittblumen, Topfpflanzen, Obst und Gemüse stattfindet.
Die Beispiele offenbaren, dass es nicht gut bestellt ist um das Image des Gartenbaus und seiner Produkte. Sozialwissenschaftler wie Dr. Rainer Brämer haben dafür folgende Erklärung: Große Bevölkerungsteile wissen so gut wie nichts mehr über die Produktion von Nahrungsmitteln und wollen davon auch nichts wissen. Die Natur übernimmt in einer moralisierten Überhöhung pseudoreligiöse Funktionen, die sich besonders im Umfeld eines infantilen Verständnisses von Naturschutz manifestieren. Zwar werde die Aufzucht von Tieren und Pflanzen generell bejaht, schließlich würden die daraus resultierenden Produkte ja auch bereitwillig konsumiert, die Produktionsebene werde dabei erstaunlicherweise aber stets diffamiert, so Brämer. Ohne Verständnis für die Notwendigkeit von Naturnutzung kann auch das Nachhaltigkeitspostulat nicht begriffen werden. Nur ein Viertel der befragten Jugendlichen verstehen unter Nachhaltigkeit, dass sie ihren Müll trennen sollen. Über die Hälfte denkt dagegen, dass nachhaltig zu handeln bedeute, keinen Müll in die Natur zu werfen.
Die angeführten Beispiele lassen aber erahnen, dass es möglich ist, in kürzester Zeit viel zu bewegen. Die Tage, in denen Wasserbomben aus dem niederländischen Westland boykottiert wurden, währten nicht lange. Der in den letzten Jahren beobachtbare Siegeszug der niederländischen Supermarktkette Albert Heijn beruht zum großen Teil auf einer Geschäftsstrategie, die dem mit Regionalprodukten bestückten Frischebereich innerhalb des gesamten Sortimentes eine zentrale Rolle zuweist. Dabei wird genau der Fehler umgangen, den die Rabobank in ihrem unlängst erschienen Bericht World of Vegetables als großen Hemmschuh für eine weitere Entwicklung des nordeuropäischen Gartenbaus ansieht: zu viele Handelsstufen zwischen Produzent und Konsument verhindern eine klare Positionierung der einheimischen Produktion.
Die genannten Beispiele beweisen auch, dass keine noch so üppig finanzierte Imagekampagne vermag, was der persönliche Kontakt möglich macht. Nicht nur Hans van den Bosch, Jan Kohlhaas, Rob Baan, Garry Grüber und Tom Kuipers können Werbung für den Gartenbau und seine Produkte machen. Wir alle, die wir in der einen oder anderen Weise mit dem Gartenbau verknüpft sind, sind aufgerufen, Farbe zu bekennen und Werbung in eigener Sache zu betreiben. Qualitativ hochwertige Ware, wie sie bei uns unter Einhaltung strenger Umwelt- und Sozialstandards produziert wird, sollte nicht mit Zertifikaten beworben werden. Einheimische Ware sollte vermarktet werden als das, was sie ist: ein hervorragendes Produkt, das nicht nur gesund ist, sondern vor allem auch hervorragend schmeckt und deshalb täglich mehrmals auf dem Speisezettel zu finden sein sollte.
Tim Jacobsen
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