Die Diskussion um die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Gartenbaus erreichte in der Auseinandersetzung über die Sozialabgabensätze polnischer Saisonarbeitskräfte und dem Wiederaufflackern der Energiekostendiskussion ihren vorläufig letzten Höhepunkt. Dieser Streitfrage zugrunde liegt die Überzeugung, dass niedrige Produktionskosten gemeinhin als entscheidender Wettbewerbsvorteil auf Märkten mit untereinander weitgehend austauschbaren Produkten angesehen werden. Aufgrund der verschärften Konkurrenzsituation im europäischen Binnenmarkt führen als ungleich empfundene Wettbewerbsbedingungen dann auch schnell zu Forderungen nach staatlichen Eingriffen und ausgleichenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen.
Eine ausschließlich an Kostensenkung interessierte Unternehmens- und Wirtschaftspolitik greift dabei jedoch auf lange Sicht zu kurz. Schließlich behaupten sich nord- und mitteleuropäische Gärtner trotz eigentlich ungünstiger Voraussetzungen seit vielen Jahren im internationalen Wettbewerb. Die Außenhandelsbilanzen unserer Nachbarländer Belgien, Niederlande und Dänemark unterstreichen dies. Diese weisen trotz eines deutlichen Lohngefälles in Richtung Süd- und Osteuropa, trotz nicht unbedingt vorteilhafter klimatischer Bedingungen und trotz unterschiedlicher Verfügbarkeit von Produktionsfaktoren zum Teil deutliche Exportüberschüsse für gartenbauliche Produkte aus. Während die Außenhandelsbilanz des Exportweltmeisters Deutschlands für alle Sparten des Gartenbaus negativ ist, werden aus Dänemark Zierpflanzen, aus Belgien Obst und Gemüse und aus den Niederlanden Zierpflanzen, Baumschulartikel und Gemüse in großem Umfang exportiert.
Dabei gewährt das politische Klima auch in unseren Nachbarländern den Gärtnern keinen besonderen Schutz. Belgische und niederländische Betriebe beispielsweise haben beim Erwerb von Flächen mit starker Konkurrenz aus Industrie und Wohnungsbau zu kämpfen. Betriebe in den Beneluxstaaten und Dänemark können zudem in weit geringerem Ausmaß als ihre deutschen Nachbarn auf Saisonarbeitskräfte aus Billiglohnländern zurückgreifen. Niederländische Gärtner haben genauso wie ihre dänischen Kollegen oftmals strengere Umweltauflagen zu erfüllen als ihre deutschen Kollegen. Die liberale Wirtschaftspolitik Dänemarks führte dazu, dass sich dänische Gärtner von ihrer Regierung zeitweise regelrecht im Stich gelassen gefühlt haben.
Vor diesem Hintergrund kann der deutsche Gartenbau mit Zuversicht in die Zukunft blicken.
Tim Jacobsen
Die hohe Konkurrenzfähigkeit der gartenbaulichen Produktion in Mittel- und Nordeuropa lässt sich also weder durch eine besonders günstige Faktorkostenstruktur noch durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen erklären. Die Gründe für die gute Wettbewerbsposition der gartenbaulichen Produktion müssen also auch jenseits eines Vergleichs von Produktionskosten gesucht werden.
Ein Blick über unsere Landesgrenzen in Richtung Osten macht nur allzu deutlich, dass die Betriebsgrößen in den meisten Beitrittsländern von den entsprechenden Optimalwerten oft noch weit entfernt sind. Dazu kommt, dass in Osteuropa zum Teil deutliche infrastrukturelle Defizite bestehen und zudem Vermarktungsstrukturen wenig ausgebildet sind. Der Wettbewerbsvorteil, den gut geölte und perfekt aufeinander abgestimmte Wertschöpfungsketten im direkten Vergleich dazu bieten können, liegt auf der Hand.
Der große Nutzen von Wertschöpfungsketten lässt sich dabei nur teilweise mit der Beseitigung von Reibungsverlusten begründen. Neben einer Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden spielt vor allem die Innovationsfreude auf Seite der beteiligten Unternehmen eine große Rolle. Diese schlägt sich in kreativem und zukunftsorientiertem unternehmerischen Handeln nieder. Wie das Beispiel der Niederlande zeigt, behaupten sich vor allem diejenigen Produktionsstandorte im Wettbewerb, die gewisse gemeinsame Merkmale aufweisen. Neben einer Mindestanzahl von Betrieben und einer wettbewerbsfähigen Größe spielen vor allem gute infrastrukturelle Einrichtungen bei der Entwicklung dieser Gartenbauzentren eine wichtige Rolle. Dies beginnt bei guten Verkehrsanbindungen und schließt nicht zuletzt auch ein kompetentes Versuchs- und Beratungswesen mit ein, das bei der Entwicklung und Einführung neuer Produkte hilft.
Vor diesem Hintergrund kann der deutsche Gartenbau mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Neben gut entwickelten Vermarktungsstrukturen können die deutschen Betriebe beispielsweise von einem großflächig ausgebauten Beratungswesen profitieren. In allen Bereichen stehen noch gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung. Zudem braucht die infrastrukturelle Ausstattung der gärtnerischen Zentren Deutschlands den direkten Vergleich mit den Nachbarländern nicht zu scheuen. Wie wäre es sonst auch möglich, dass trotz allen Wettbewerbsnachteilen gut ein Drittel der auf dem deutschen Markt umgesetzten Blumen und Zierpflanzen aus einheimischer Produktion stammt? Für den Bereich Obst liegt der Selbstversorgungsgrad Deutschlands immerhin bei knapp einem Fünftel. Und nur geringfügig weniger als die Hälfte des in Deutschland konsumierten Gemüses wird schließlich im eigenen Land produziert.
Wettbewerbsgleichheit in der gärtnerischen Produktion kann es nicht geben. Zu verschieden sind die natürlichen Voraussetzungen in den einzelnen Ländern. Es ist Aufgabe der Politik, darüber zu wachen, dass durch nationale Alleingänge innerhalb Europas keine künstliche Wettbewerbsverzerrung entsteht. Vielmehr aber als durch eine europaweite Harmonisierung der Sozialabgabensätze bei Saisonarbeitskräften wäre dem deutschen Gartenbau jedoch gedient, wenn staatlicherseits ein verlässliches Umfeld für unternehmerisches Handeln geschaffen würde. Die Häufung von im Einzelnen nicht immer nachvollziehbaren Entscheidungen und politischen Richtungswechseln ließen viele Gärtner ratlos zurück und tragen zu einem insgesamt wenig innovationsfreundlichen Klima bei.
Tim Jacobsen
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