Es muss zu der Zeit gewesen sein, in der die Dinosaurier noch sprachen, als Marathon laufen echt noch ein großes Ding war, Ironman und Hawaii für Normalverbraucher unerreichbar schienen, es zwar ein kleines Trüppchen an Ultraläufern gab, deren Events sich aber mehr oder weniger an einer Hand abzählen ließen. Für viele Höhepunkt der Saison war dabei der Kölnpfad, der sich, vom gleichnamigen Verein kuratiert, einmal um die Stadt am Rhein schlängelt.

Es brauchte Corona und den epidemieartigen Rollout von Wanderangeboten jenseits der klassischen 42,195 km, die die viel magischeren 171 km rund um Köln für so manche und manchen erst vorstellbar machten. Die Startplätze für „den“ Kölnpfad in der von Thomas Eller und Konsorten betreuten Form sind jeweils schnell vergeben, verschiedene flankierende Angebote erlauben ein auch abschnittsweises Kennenlernen des „Endgegners“.

Bei der Fülle an organisierten Wanderveranstaltungen scheint es manchmal in Vergessenheit zu geraten, dass es zum Wandern ja eigentlich keines kostenpflichtigen Angebots bedarf, sondern im Regelfall gute Schuhe, Regenjacke, Proviantrucksack, Plan und Ziel ausreichen, um sich auf den Weg zu machen – wobei die beiden letztgenannten eigentlich streng genommen eher „nice to have“ sind.

Die Schönheiten Bayerns im Schnelldurchgang

Die Faszination Langstrecke scheint ungebrochen: 2024 knackte der Berlin Marathon erstmals die 50 000er-Finisher-Marke und auch Triathlonveranstaltungen wie die Challenge Roth erfreuen sich weiter größter Beliebtheit: Die knapp 4000 Startnummern für das wohl legendärste deutsche Langstreckenrennen waren auch 2025 in weniger als 30 Sekunden vergeben.

Gegenüber den für die fränkische Provinz fälligen 769 Euro, die die letzten im Losverfahren veräußerten Late-Entry-Einzelstartplätze jeweils kosten sollen, wirken die 200 Euro Startgebühr in unserer Hauptstadt fast wie ein Schnäppchen, selbst wenn einem auch dort vor dem tatsächlichen Erwerb der Startnummer erst einmal Fortuna hold sein muss.

Auch das Langstreckenwandern erfährt nicht erst seit Corona weiterhin regen Zuspruch: Konnten die 40 Finisher beim ersten Megamarsch über 100 km im Jahr 2016 noch alle per Handschlag im Ziel begrüßt werden, war das bei den mehr als 13 000 Menschen, die im April 2025 in Duisburg beim Mammutmarsch in den verschiedenen Distanzen an den Start gingen, schon etwas schwieriger.

Steht bei Marathon und Triathlon meist die Hatz nach einer neuen persönlichen Bestzeit im Vordergrund, zählt unter Extremwanderern hauptsächlich die Zielankunft, sei es nun nach 50 km in unter zwölf Stunden, 100 Kilometern in doppelt so langer Zeit oder, wer will, auch nach weiter und länger.

Noch bevor all die Veranstalter, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, etablierten sich Anbieter, die, wie der Münchner Michael Raab, weniger den großen Kommerz im Blick haben, sondern vielmehr Gelegenheiten schaffen wollen, eine schöne Zeit unter Gleichgesinnten verbringen zu können.

Raabs vergleichsweise kleiner, aber feiner Königsmarsch umrundet jeweils passend zum Todestag König Ludwigs II. im Juni den Starnberger See. Bei Kilometer 44 kommt in Sichtweite des Ziels wohl niemand umhin, im Schlosspark von Berg am Kreuz im See dem Märchenkönig zu gedenken.

Für alle, die lieber dem Lebenden als dem Toten gedenken wollen, hat Raab im späten Frühjahr eine gut 40 km lange Rundtour im Angebot. Diese führt vorbei an Hohem Schloss, Lechfall, Alp- und Schwansee, der Jagdhütte des Verblichenen, Marienbrücke und Schloss Neuschwanstein sowie dem Museum der bayerischen Könige hin zum Füssener Festspielhaus, in dem auch zwanzig Jahre nach der Uraufführung noch regelmäßig das Musical „Ludwig²“ gespielt wird.

All denjenigen, denen das noch nicht genug ist und die lieber mittenrein als nur dran vorbei wollen, sei der 2026 zum siebten Mal stattfindende Löwenmarsch ans Herz gelegt. Gestartet wird stilecht in der Arena von Schloss Kaltenberg im Münchner Westen, das Ziel gut 100 km später ist der Löwenhof des Schlosses Hohenschwangau mit Blick auf fast zum Greifen nahe Schloss Neuschwanstein.

Entlang des Ammersees führt die Route über Wessobrunn und die Wieskirche durchs Voralpenland – oder wie der Schirmherr der Veranstaltung, Staatsminister Dr. Florian Herrmann dieses Fleckchen Erde charakterisiert: „Bayern pur! Eine einzigartige Kulturlandschaft, wie sie schöner nicht sein könnte. Hier verbinden sich Tradition, Natur und Kultur auf engstem Raum, geprägt von Schlössern, Kirchen und Klöstern, Bergen und Seen und einem unvergleichlichen kulturkulturellen und historischen Erbe, das unsere Heimat ausmacht und das es zu bewahren gilt.“

Es ist aber nicht nur die Begeisterung für die Schönheiten seiner Heimat, die Herrmann ins Schwärmen geraten lässt, es ist auch der eine große Unterschied, der den Löwenmarsch von den unzähligen anderen Veranstaltungen unterscheidet: „Beim Löwenmarsch werden Sport, Naturerlebnis und Heimatliebe mit einem tieferen Sinn verbunden. Der Löwenmarsch steht für Solidarität und Hilfsbereitschaft, getragen vom starken karitativen Engagement von Prinz Ludwig von Bayern und seinen vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Dieses Zusammenspiel macht den Löwenmarsch einzigartig und unverwechselbar.“

Das Besondere am Löwenmarsch ist, dass die Teilnehmenden im Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreis auf Spendenjagd gehen, statt einen einmaligen Teilnahmebeitrag zu bezahlen: Zwei Euro pro zurückgelegten Kilometer lautet die Empfehlung, bei den meisten kommt am Ende deutlich mehr zusammen.

Weit über eine Million Euro an Spendengeldern sind so in den vergangenen sechs Editionen des Löwenmarsches aufgelaufen und gingen eins zu eins an die Learning Lions, eine gemeinnützige Organisation, die in einer abgelegenen Region Ostafrikas mit Hilfe eines kostenlosen IT-Ausbildungsprogramms Armut bekämpfen und Perspektiven vor Ort schaffen möchte.

Wobei der Konjunktiv streng genommen fehl am Platz ist, schließlich nutzten bereits mehr als 1000 Absolventen das Ausbildungsangebot, Internet und Solarenergie sorgen für den Anschluss an die große weite Welt. Prinz Ludwig von Bayern, Initiator sowohl der Learning Lions als auch des Löwenmarsches, erklärt, was mit dem Spendengeld passiert ist – und was zukünftig noch damit geschehen soll:

„Unser IT-Projekt in Kenia lebt von den Löwenmarsch-Spenden, die wir jedes Jahr flexibel einsetzen dürfen. Einmal für die direkten Ausbildungskosten auf dem IT-Campus, aber auch für Baumaßnahmen, wobei oft jeder Euro zehnfach zählt. Nicht nur, weil man in Kenia günstiger baut, sondern auch, weil wir ihn als 10 Prozent Eigenanteil für große Förderorganisationen, die dann die restlichen 90 Prozent übernehmen, einsetzen können.“

Freuen darf sich auch die Person, die bis wenige Wochen nach dem Lauf die allermeisten Spenden gesammelt hat: Sie erhält den Sammellöwen, eine Figur der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, die in verschiedenen Abwandlungen unter anderem auch beim Bayerischen Filmpreis oder als Mitbringsel des Ministerpräsidenten zum Einsatz kommt. Hier beweisen sich wie auch beim in Kaltenberg gebrauten und in Hohenschwangau servierten Finisherbier die kurzen Wege innerhalb der Familie Wittelsbach.

Auch wenn Prinz Ludwig selbst erst wenige Tage zuvor vom Ufer des Turkanasees in Nordwestkenia an die Oberbayerische Seenplatte zurückgekehrt war, ließ er es sich, wie auch in den Jahren zuvor, nicht nehmen, am 6. September 2025 in Janker und Lederhosen an den Start zu gehen, begleitet von Frau und Sohn.

Für den einjährigen Prinz Rupprecht war es die erste Teilnahme, die sechs Kilometer, die er sich laut Starterliste vorgenommen hatte, legte er ohne Murren auf den Schultern seines Vaters zurück. Auch dies eine Besonderheit des Löwenmarsches: Neben der kompletten, gut 100 km langen Strecke können auch beliebige Teilstücke zurückgelegt werden.

Seit 2012 steht der Ururenkel des letzten bayerischen Königs der Stiftung Hilfsverein Nymphenburg vor, 2015 wurden aus den Startup Lions die Learning Lions. Wie aber kam es 2019 zum ersten Löwenmarsch? Der designierte Chef des Hauses Wittelsbach erinnert sich:

„Der Löwenmarsch kam so zustande: Die International Learning Lions Volontäre, wollten seinerzeit als Teambuilding-Maßnahme eine 100 Kilometer-Wanderung machen. Ich fand die Idee lustig, habe aber darauf bestanden, dass wir dann auch gemeinsam Spenden sammeln und andere zum Mitmachen anregen. Wir alle hätten nie gedacht, wie gut dieses Konzept angenommen wird.“

Für Prinz Ludwig von Bayern war Anfang September Aufgeben keine Option, genauso wenig wie für die rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die, die einen schneller, die anderen weniger schnell am 7. September 2025 das Ziel erreichten und für ein Rekordspendenaufkommen in Höhe von mehr als 190 000 Euro sorgten.