Neben der Wetterlage bestimmt in diesem Jahr auf vielen Betrieben die Risikofreudigkeit der Betriebsleiter weitgehend die Größe der Hypothek, mit der ins Frühjahr gestartet wird. Die Ausweglosigkeit, der sich mancher Betriebsleiter angesichts mangelnder, von den horrenden Energiepreisen aufgezehrten finanziellen Reserven gegenüber sieht, erinnert an die Hilflosigkeit vieler Eltern, denen es trotz bester Bemühungen nicht gelingt, ihren lautstark Unmut äußernden Nachwuchs zu beruhigen.
In beiden Beispielen kommt es zu einer enormen emotionalen Belastung aller Beteiligten, die nur in den seltensten Fällen zu einer raschen und rationalen Lösung des Problems beiträgt. Ähnlich wie bei zu Hilfe gerufenen externen Unternehmensberatern ist die Urteilsfähigkeit von Hebammen bei Hausbesuchen weitgehend ungetrübt. Ihre unverblümt geäußerten Bemerkungen gleichen oftmals orakelhaften Weisheiten, die befreiend wirken, aber auch zum Nachdenken anregen.
Zum Start der Freilandsaison dieses Jahres steht auf vielen Betrieben Schadensbegrenzung im Vordergrund. Mit kluger Einkaufspolitik, niedrigem Verbrauch oder üppig dimensionierten Reserven ließ sich zwar in Einzelfällen die Dramatik der Preisentwicklung auf dem Heizölmarkt etwas abmildern; gravierende Liquiditätsprobleme werfen jedoch vielerorts einen dunklen Schatten auf die betrieblichen Entwicklungsmöglichkeiten. Und auch wenn es gelang, sich mit einem blauen Auge ins Frühjahr zu retten, ist damit das Problem noch keineswegs gelöst. Das Rosshaar, an dem die Antwort auf die Frage nach der langfristigen Perspektive so manchen Betriebes wie das sprichwörtliche Damoklesschwert aufgehängt ist, wurde im Laufe der vergangenen Jahre wegen allzu starker Beanspruchung brüchig.
Die Energiepreise, die nicht erst seit dem erneuten Militärschlag gegen den Irak ein Eigenleben führen, haben laut Expertenmeinung ihren Höchststand noch längst nicht erreicht. Vor diesem Hintergrund muss eine innerbetriebliche Selbstanalyse erfolgen, die keine Alternativen ausspart. Es ist wenig wahrscheinlich, dass der prognostizierte Konjunkturanstieg zu einer Entspannung der Konkurrenzsituation ausgerechnet für Gartenbauprodukte führen sollte. Vielmehr muss realistischerweise mit einer nachhaltigen Verschärfung der Wettbewerbsbedingungen gerechnet werden. Ein Weiterbestand auf Kosten der Substanz kann mittel- und langfristig nur zum Gang vor den Konkursrichter führen. Auch wenn zum Saisonbeginn der nächste Winter gedanklich in weite Ferne gerückt ist, sollten Veränderungen in der Eigenkapitalstruktur des eigenen Betriebes genauestens untersucht werden. Nur so ist es möglich, zu erkennen, ob genügend Spielraum für eine selbstbestimmte Gestaltung der Zukunft bleibt.
Ähnlich klein wie der politische Einfluss ist jedoch auch die Halbwertszeit dieser Versprechen
Tim Jacobsen
In Hebammenkreisen wird allgemein beklagt, dass junge Eltern heutzutage oftmals Raubbau an sich selbst betreiben, um nicht in den Ruf zu geraten, aufgrund persönlicher Ambitionen das Wohl der Kinder hintan zu stellen. „Es bringt nichts, wenn Sie sich in einem Jahr komplett verausgaben und keine Energie mehr für das Nächste haben“ lautet eine der gängigen Standardermahnungen.
Anstatt sich mit unliebsamen Tatsachen auseinander zu setzen, wird in Gärtnerkreisen oftmals Zuflucht in internationalen Rundumschlägen gesucht. Natürlich ist es der guten Laune nicht gerade zuträglich, zu wissen, dass sowohl die französische als auch die niederländische Regierung finanzielle Extramittel bereitgestellt haben, um ihre Gärtner im Kampf gegen hohe Energiepreise zu unterstützen, während gleichzeitig die Mineralölsteuer-Rückerstattung in Deutschland von Seiten der EU-Kommission unter heftigen Beschuss gerät.
Mehr Gelassenheit im Alltag täte aber nicht nur laut unserer Hebamme dringend Not: „Auch wenn andere Eltern einen der heiß begehrten Betreuungsplätze erhalten, heißt das noch lange nicht, dass Sie sich davon unter Druck setzen lassen sollten. Über Ungerechtigkeit zu klagen, führt im schlimmsten Fall nur dazu, dass Sie sich selbst den Blick für mögliche Auswege verbauen. Sie können das Wetter nicht ändern, einen Regenschirm können Sie aber jederzeit einpacken“.
Nur wenige Betriebsleiter sehen in der Preisentwicklung für fossile Brennstoffe auf dem Weltmarkt keine existentielle Bedrohung ihres Fortbestehens. Die psychische Belastung auf vielen Betrieben ist enorm, die Stimmung gleicht oftmals einem Pulverfass. Vor diesem Hintergrund ist es wichtiger denn je, Entscheidungen zu fällen, die ohne Zaudern aus ganzem Herzen getroffen werden können.
„Wenn Sie mit irgendetwas keinen greifbaren Gegenwert erzielen können, lassen Sie lieber die Finger davon, denn gerade die eigene Kraft geht manchmal schneller zu Ende, als einem lieb ist. Solange Sie machen, wovon Sie vollkommen überzeugt sind, kann es eigentlich gar nicht schief gehen“ empfiehlt unsere Hebamme als Entscheidungskriterium bei strittigen Fragen.
Interessanterweise sind die Extrempositionen des gesellschaftlichen Diskurses, in dem sowohl Elternschaft als auch gärtnerisches Unternehmertum stehen, ähnlich verteilt. Vertreter des Neoliberalismus fordern unbeschränktes Unternehmertum und einen Rückzug des Staates aus jeglicher Fürsorgepflicht. Kritiker neoliberaler Positionen dagegen vertreten den Standpunkt, dass der Staat seine Interventionsmöglichkeiten nutzen muss, um äußerst sensible Bereiche wie die Produktion von Nahrungsmitteln und die Erziehung von Kindern in geordnete Bahnen zu lenken.
Und in noch einem Punkt sind sich Eltern und Gärtner sehr ähnlich. Obwohl sie wichtige Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen, haben sie eine vergleichsweise kleine politische Lobby. Lob und Anerkennung, gerade von Seiten der Politik, fallen deshalb stets auf dankbaren Boden. Versprechungen, die eine rosige Zukunft verheißen, werden gierig aufgesogen. Ähnlich klein wie der politische Einfluss ist jedoch auch die Halbwertszeit dieser Versprechen.
Tim Jacobsen
Schreibe einen Kommentar