Möglichkeiten über Möglichkeiten

Exklusiver geht kaum: insgesamt nur zwölf Menschen waren jemals auf dem Mond, der letzte im Jahr 1972 – fast genauso schwer zu toppen ist es, der Europäer zu sein, der am längsten im Weltall war. Kein Wunder, war der niederländische Astronaut André Kuipers dann auch einer der Zugvögel des Greentech Summits Anfang Juni, mit dem die umtriebigen Messeorganisatoren den Fokus auf die nächstes Jahr zum zweiten Mal stattfindende Messe gleichen Namens lenken wollten.

Nur achteinhalb Minuten dauert es, bis sich nach dem Start die Raketen lösen und der schwerelose Blick durch das Bullauge auf einmal unseren Globus aus Marsmännchenperspektive zeigt, und, wie Kuipers verriet, viel Schönes, aber auch viel Erschreckendes offenbart. Grund genug, dass sich Kuipers nach seiner aktiven Zeit selbst zum Botschafter des Planeten Erde ernannte und seitdem mit „Wir sind alle Astronauten an Bord des Raumschiffes Erde“ für die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen wirbt.

Thematisch hätte der Einstieg in dieses Gipfeltreffen der Gartenbaubranche nicht besser gelingen können, auch, weil Richard van Hooijdonk anschließend Entwicklungen aufzeigte, die unser Leben binnen kurzem ähnlich radikal verändern werden, wie dies die Dampfmaschine im 18. Jahrhundert tat. Er verheimlichte in all seiner Euphorie nicht, dass das hinter Robotik, Internet der Dinge, Wearables sowie 4D-Druck stehende einigermaßen ominöse Big Data auch Orwellsche Fantasien wahr werden lassen kann sowie ganz neue Formen von Kriminalität ermöglicht.

„Wir sind alle Astronauten an Bord des Raumschiffes Erde“

Astronaut André Kuipers

Mit je nach Sichtweise drohenden oder heilsversprechenden Technologien ging es danach munter weiter: Erik Pekkeriet und Martijn Wisse gaben einen Einblick in den aktuellen Stand der Roboterforschung, der sich am ehesten mit `es ist alles möglich´ und `wenn nicht heute, dann auf jeden Fall in Bälde´ zusammenfassen lässt. Allerdings sollte man neben dem nötigen Kleingeld auch ein eher waghalsigeres Naturell besitzen, will man zu den Pionieren gehören.

Tim Clapp führte am Beispiel der sog. Teebeutel vor, dass der B&Q-Claim `One planet home´ mehr als nur heiße Luft in Zeiten von Nachhaltigkeitsdebatten ist, und dass, so ausgereizt Entwicklungen uns auch erscheinen mögen, immer noch deutlich mehr möglich ist. Und so klein der Beitrag dieses speziellen Anzuchtsystems angesichts des globalen Müllaufkommens auch erscheinen mag, so groß können viele kleine Beiträge in der Summe sein. Wie auch der von Alice Wang vorgestellte Obst- und Gemüsesaftkonzentrathersteller Haisheng Fresh Fruit Juice Co., der beim Sprung vom unbedeutenden Saftladen hin zur weltweiten Nr. 1 nicht vergaß, die lokal ansässige Bevölkerung mit auf diese Reise zu nehmen und den Gartenbau in der Region auf ein Niveau zu heben, das international keinen Vergleich zu scheuen braucht. Ähnliches auch von Erik Holm und Ian van Brouwershaven, die den südafrikanischen Farmmogul ZZ2 vorstellten und ihr Programm Natuurboerdery erläuterten, mit Hilfe dessen das viele Millionen schwere Unternehmen seit 2002 vollständig auf Ökolandbau umstellt.

Verstecken muss sich auch der ehemalige Banker Faris Farrag nicht, der mit Bustan Aquaponics eine beeindruckend wassersparende Lösung für den Pflanzenbau in Wüstengebieten vorstellte. Die Verbindung von Gemüsebau und Fischzucht wählten auch die Urban Farmers Roman Gaus und Mark Durno, ohne die derzeit kaum ein Podium auszukommen scheint – wobei das zugrundeliegende Prinzip keineswegs eine revolutionäre Neuentdeckung ist, einmal mehr aber zeigt, dass brillante Ideen ohne jemanden mit Charisma und Durchsetzungsvermögen für immer nur Ideen bleiben.

Ohne Tomaten und Tillapias kommt Bill Watts´ Sahara Forest Project aus. Wie der Name verrät, wurde es für Wüstenregionen konzipiert und verspricht mit einer Kombination technischer und pflanzenbaulicher Maßnahmen reiche Ernten, ohne das Vorhandensein von Süßwasser. Und dass auch in unseren Breiten ohne allzu großen Aufwand noch beträchtlich ökologisiert werden kann, bewies Robert Kielstra am Beispiel des Agriports A7: Durch gezielte Anwerbung von Unternehmen, deren Abfallprodukte gerne von den Unterglasgärtnern verwendet werden, sammelt das Gewächshausgebiet nicht nur in der Außendarstellung Punkte.

So gesehen hätte der Summit auch als Vorschau auf die nächstes Jahr zu erwartenden Neuheiten durchgehen können, wäre da nicht Joseph Simcox gewesen, der schon in jungen Jahren allenfalls auf den Fußballplatz ging, um die dort wachsenden Gräser zu studieren:

Nachdem er in Amsterdam sein Befremden darüber geäußert hatte, dass man anscheinend einen ganzen Tag über Gartenbau reden könne, ohne auch nur einmal das P-Wort Pflanze zu erwähnen, tat er dies zu genüge: anhand einer botanischen Weltreise machte er mehr als deutlich, dass das gegenwärtige Obst- und Gemüseangebot nur einen Bruchteil dessen darstellt, was es weltweit an Essenswertem gibt. Zumal viele dieser Kulturarten dann nicht nur den agronomischen Kennzahlenvergleich mit dem gängigen, züchterisch bearbeiteten Sortiment nicht zu scheuen brauchen, sondern durchaus als kulinarische Leckerbissen durchgehen können und zudem an Lebensumstände adaptiert sind, bei denen unsere Frischethekenstammmannschaft schon lange schlapp macht.

Tim Jacobsen