"Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!"

Autor: juetim (Seite 4 von 18)

Seit dem erfolgreichen Abbruch einer wissenschaftlichen Karriere lebt und arbeitet Tim Jacobsen gemeinsam mit Frau, Familie, Goldfischen und Katze in Bonn

Aufstieg und Fall eines Tomatenimperiums

Ohne Tomaten kein English Breakfast: „The Guernsey Tom“ mit ihrer markanten Kugelform hatte zu ihren besten Zeiten im Vereinigten Königreich einen Marktanteil von rund 60 %. Mehr als zwei Jahrzehnte lang bestimmten die roten Früchte das Leben auf der britischen Kanalinsel unweit der französischen Küste. Noch 1967 hatte jeder dritte Inselbewohnet beruflich irgendwas mit Gartenbau zu tun, ab Erntebeginn dominierten Tomatentransporter das Verkehrsgeschehen auf der Insel. Dreißig Jahre später war der Anteil der Guernsey-Tomaten auf unter 1 % gefallen, im gleichen Zeitraum ging die Anbaufläche von knapp 300 ha auf gut 5 ha zurück.

Man muss ein bisschen in der Zeit zurückgehen, um verstehen zu können, warum sich gerade dort eine florierende Tomatenindustrie entwickeln konnte. Den feinen Herrschaften im fernen London war es wohl irgendwann zu bunt geworden und sie zogen die Zügel an, unterbanden Schmuggel und Piraterie und stürzten die Inselökonomie im 19. Jahrhundert in eine tiefe Depression. Die Inselbewohner besannen sich auf ihre Standortvorteile wie den günstigen klimatischen Voraussetzungen und den für das Vereinigte Königreich zahlreichen Sonnenstunden und begannen, Tafeltrauben anzubauen.

Das erste kommerziell genutzte Gewächshaus wurde 1840 errichtet, ab 1861 verband ein regelmäßig verkehrendes Dampfschiff die kleine mit der großen Insel weiter nördlich. Während 1915 noch gut 2500 t Trauben geerntet wurden, waren es 1958 nur mehr 300 t, gleichzeitig hatte die samenvermehrte `Potentate´ Stück für Stück die Rebstöcke abgelöst. Kaum ein Haus auf Guernsey, an das kein Gewächshaus angebaut wurde. Die Inselbewohner profitierten in dieser Zeit auch von dem in heutigen Maßstäben äußerst kurzen Shelflife ihrer Produkte und der noch benötigten vielen Handarbeit auf dem Weg von der Ernte zu den Verbrauchern.

Die Bootsbauer sattelten auf Gewächshausbau um, es entstand eine Art Tomaten-Monokultur, Böden und Substrat wurden Dampf-sterilisiert und Anthrazitkohle aus Wales verfeuert. Ihren endgültigen Höhenflug erreichten die Guernseytomaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gewächhausanlagen hatten die deutsche Besetzung überstanden, die phänomenalen Profite im Tomatenanbau sorgten für Goldgräberstimmung, schnell standen die Tomaten für die Hälfte des Bruttoinseleinkommens. Trotz der geographischen Nähe zu Frankreich blieb das Vereinigte Königreich der einzige Handelspartner.

Schnell stellte sich heraus, dass ein kooperativer Ansatz gerade in logistischer Hinsicht der nächste Schritt sein müsste. Folgerichtig übernahm 1952 das besonders in der Anfangszeit nicht unumstrittene Guernsey Tomato Marketing Board (GTMB) die weiteren Schritte ab der Ernte, so genannte Inspektoren sorgten für die Qualitätsbeurteilung und legten somit auch die Höhe der Familieneinkommen fest. Das GTMB nahm in Zeiten von Überproduktion Ware aus dem Markt und verklappte diese zu Dumpingpreisen auf der Insel, um den Preis im Vereinigten Königreich hochzuhalten.

Die Perfektionierung des Anbaus führte dazu, dass bald jeder Einwohner Guernseys rein rechnerisch mehr als 1000 t Tomaten im Jahr produzierte. In den 1970er Jahren begann sich dann aber der Himmel über der Tomateninsel zu verdüstern. Schuld daran waren je nach Interessenlage die Supermärkte, das Advisory Board, das GTMB, die Niederländer, die größeren Produktionsbetriebe oder auch alles zusammen. Das Ende der Tomatenerfolgsgeschichte unterscheidet sich dabei nicht so groß vom Aus regional bedeutsamer Industriezweige anderenorts.

Beigetragen zum Niedergang hat mit Sicherheit die Umstellung von Anthrazitkohle auf Öl. Den Preisanstieg im Jahr 1973 hatte niemand vorhersehen können, Öl wurde nicht nur um ein Vielfaches teuer, es wurde auch rationiert. Besonders hart traf dies die Gärtner, die zuvor auf den Rat des Advisory Board vertraut und auf Modernisierung gesetzt hatten. Auch die Zinsen stiegen deutlich und spätestens, als dann Ware aus Spanien und von den kanarischen Inseln flankiert von niederländischen Tomaten das Frühsegment eroberte, war „The Guernsey Tom“ nicht mehr konkurrenzfähig und zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Arbeitslosigkeit ein Thema. Den Schlussstrich unter die einstige Erfolgsgeschichte zog das Jahr 1999, als Guernsey offiziell Tomatennettoimporteur wurde.

Es ist ein Einfaches diese Entwicklung als ein weiteres Beispiel für die Zerstörungskraft der Globalisierung anzusehen. Unbezweifelt führt das Öffnen von Grenzen zu stärkerem Wettbewerb, aber während die Tomaten auf der Strecke blieben, machte die Insel als Off-shore-Standort für finanzielle Dienstleistungen aller Art Karriere. Mit den Tomaten auf der Strecke blieben allerdings auch Sozialstrukturen, die das Leben auf der Insel über viele Jahrzehnte geprägt hatten.

Die Kannibalisierung der Guernsey-Tomaten durch nach niederländischem Vorbild vor allem im landschaftlich vergleichsweise großzügigen Südengland entstandene Gewächshausanlagen mag eine Rolle für den Niedergang gespielt haben. Am schwersten gewogen hat mit Sicherheit aber eine Entwicklung, die dem Einzelhandel eine stets bedeutendere Rolle zuwies: hatte das GTNB noch die Informationshoheit und volle Kontrolle über Liefermengen, -wege und -zeitpunkte, begannen die Supermärkte – der Strichcode feierte gerade runden Geburtstag – spätestens mit der Wahl Margaret Thatchers im Jahr 1979 zunehmend alle Trümpfe in der Hand zu haben.

Und wenn da dann, wie heute fast schon üblich, vier Handvoll verschiedene Tomatensorten und -arten angeboten werden müssen, kann das mit einer „one size fits all Guernsey standard round“ nicht klappen. Auch Henry Ford produzierte zwar fast zwei Jahrzehnte lang ausschließlich das Modell T in schwarz, musste dann aber doch einsehen, dass die Geschmäcker nun einmal verschieden sind.

Tim Jacobsen

Vom Glück, etwas zu finden, wonach man nicht gesucht hat

Knapp fünf Monate, nachdem Anfang Mai im ehemaligen Wohnhaus und heutigem Museum König das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom Parlamentarischen Rat verabschiedet und am 23. Mai 1949 verkündet worden war, erschien Anfang November die erste Ausgabe Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ende April fand im Frankfurter Kap Europa zum dritten Mal der Leserkongress „Zwischen den Zeilen“ statt, im Jubiläumsjahr nicht nur mit der sonst üblichen Einordnung des Zeitgeschehens, sondern auch mit einer Betrachtung der eigentlichen Bedeutung von Printprodukten, die wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten möchten.

Jürgen Kaube, Mitherausgeber der F.A.Z. ordnete das 75-jährige Jubiläum ein in die durchschnittliche Lebenszeit von deutschen Unternehmen, die seinen Recherchen zufolge zwölf Jahre beträgt. „Die durchschnittliche Lebenszeit von Organisationen überhaupt soll etwa vierzig Jahre betragen, in diese Berechnung sind allerdings auch die katholische Kirche und die 1088 gegründete Universität von Bologna eingegangen. 75 Jahre sind jedenfalls ein deutlich über diesen Durchschnitten liegender Wert.“ Kaube überging an dieser Stelle geflissentlich, dass unser Gartenbau-Profi mittlerweile auf eine 111-jährige Geschichte zurückblicken kann.

„Lassen Sie mich mit der Frage beginnen, was das ist, eine Zeitung. Diese Frage hat ihre Naivität in einer Welt verloren, in der vor allem viele jüngere Bürger zwar wissen, was soziale Medien sind, was eine Website ist, ein Streamingdienst oder ein Nachrichtenportal – in der sie aber dem Konzept der Zeitung etwas ratlos begegnen. Zu diesem Konzept gehört es, einmal am Tag – früher sogar öfter, mitunter aber auch nur einmal in der Woche – einen Strich unter das Weltgeschehen zu ziehen. Zeitungen halten für einen Moment fest, was man sich merken und worüber man nachdenken sollte.

Dort, wo die Zeitung ein einziger Nachrichtenstrom ist, im Internet, liegt dieser Takt stärker in der Hand der Nutzer, die aber ebenfalls typischerweise morgens früh und abends auf die Website zugreifen. Das Lesen im Internet und auf den Smartphones drängt den Eindruck eines zusammenhängenden Produkts dabei etwas zurück. Man findet zumeist, wie generell im Netz, was man gesucht hat. Man kann die Website nicht durchblättern. Dafür liegt sie nicht als Mahnung herum, endlich gelesen zu werden …

Zeitungen gehören zu den Organisationen der modernen Gesellschaft, die stark unter Zeitdruck arbeiten. Die Wissenschaft darf sich Zeit lassen und misst ihre Projekte in Jahren. Die Schulen haben die Schüler sehr lange. Die Gerichte entscheiden, wenn die Gerichte entscheiden, die Genehmigungsbehörden auch, der Begriff Planfeststellungsverfahren ist eine Drohung, die Bahn hat einen Planungshorizont von Jahrzehnten. Fast hätte ich von Jahrhunderten gesagt …

Zeitung heißt also ständige Aktualisierung, heißt organisierte Unruhe. Journalisten sind empfindlich für die vielen Irritationen, die eine moderne Gesellschaft bereithält: Der Fall der Mauer, das Lachen eines Kanzlerkandidaten, überraschende Angriffskriege, Elefanten aus Botswana, monatelanger Streit über Wärmepumpen, ein Deutschunterricht, in dem Rechtschreibfehler nicht mehr zu Punktabzug führen. Wir leben in einer Welt voller Merkwürdigkeiten. Die Zeitung ist für diese Welt erfunden worden.

Inzwischen haben alle Medien mit dem Phänomen des Überdrusses an dieser Unruhe zu kämpfen. Von news fatigue ist die Rede, vom `Ich kann es nicht mehr hören´. Eine erwachsene Reaktion auf unsere Lebensumstände ist das nicht, vor allem deshalb nicht, weil übersehen wird, dass die Zeitung längst nicht mehr die Überbringerin der Nachrichten ist, sondern von ihr vielmehr gefragt wird, was sie bedeuten, wie sie zu gewichten und einzuordnen sind, was ihr Hintergrund ist und was wir über ihn wissen. Die Hauptaufgabe der Zeitung ist es, zu eigenen Gedanken anzuregen … Zeitung heißt vielmehr Redaktion. Das ist der große Unterschied zu all den unredigierten, nicht durchgesprochenen Texten in den sozialen Medien.“

In diesem Sinne freue ich mich zwar, dass Sie im Internet bis hierhin gekommen sind und wünsche Ihnen auch weiterhin viel Spaß und Freude – würde mir gerne aber auch wünschen, dass bei all dem Gepixelten das Gedruckte nicht zu kurz kommt.

Tim Jacobsen

Tradition trifft Moderne

Das Kölner Dreigestirn ist während der Karnevalssession offizieller Regent über das närrische Volk in der Stadt am Rhein: „Seine Tollität“ und „Seine Deftigkeit“ werden dabei komplettiert von „Ihrer Lieblichkeit“, die als beschützende Mutter Colonia traditionell von einem Mann dargestellt wird. Das Ganze hat System: der Elferrat, der die Karnevalssitzungen eines Vereins organisiert und meist auch auf der Bühne leitet, besteht in der Regel allein aus Männern. Jahrzehnte lang war den Frauen sogar die Teilnahme am Rosenmontagszug untersagt, erst seit den 1970ern hat sich das allmählich geändert.

Ursprünglich waren auch die Tanzmariechen Männer. Den Nationalsozialisten war das allerdings ein Dorn im Auge: Männer in Frauenkleidung könnten dem Ansehen des starken deutschen Mannes schaden und auf einmal mussten Tanzmariechen mit jungen Frauen und Mädchen besetzt werden und auch „Ihre Lieblichkeit“ wurde kurzerhand eine Frauenrolle. Aber während auch heute noch Frauen in kurzen Röcken auf den Bühnen der Karnevalssitzungen die Beine nach oben schwingen, wurde aus der Jungfrau als Frau schnell wieder ein Mann.

Anfang des Jahres machte nun ausgerechnet Kölns Oberbürgermeisterin mit der Überlegung „der Karneval ist ja eine Männerdomäne und zuweilen ist das schon surreal, wenn man so sieht, wer da aufmarschiert“ Schlagzeilen. Aus ihrer Sicht dürfte nicht nur die Jungfrau eine Frau sein, auch gern der Prinz oder sogar alle drei. Ein wahres Wespennest: „Was für ein Blödsinn! Soll das Christuskind bald auch ein Mädchen sein!? Das ist doch schließlich Tradition! Kann man Sachen nicht mal so lassen, wie sie seit Jahrhunderten sind?! Immer dieser Feminismus-Wahn!“ waren in gewisser Weise erwartbare Reaktionen. Ende Juli hatte eine knapp zwei Wochen zuvor ins Leben gerufene Petition, Amt und Titel der Pfälzischen Weinkönigin zu bewahren, bereits knapp 6000 Unterschriften gesammelt.

Hitzige Emotionen auch hier. Und wie so oft, wenn die Empörung groß ist, haben die Empörten schlichtweg verpasst, sich zum Zeitpunkt, an dem sich noch alles geräuschlos regeln hätte lassen, entsprechend einzubringen: der Suchaufruf des Pfalzwein e.V. nach „Bewerber:innen“, die als „#teampfalz“ die Nachfolge von Weinkönigin und -prinzessinnen antreten möchten, stammt von vor einem halben Jahr. Vielleicht hatte auch einfach niemand geglaubt, dass tatsächlich ein Mann in die Endauswahl kommen könnte. Aber tatsächlich soll es nicht nur beim Pfalzwein, sondern in einem Drittel unserer 13 Weinanbaugebiete männliche Bewerber um die Regentschaft geben. Da können die niederbayerischen Zwiebelproduzenten nur mit dem Kopf schütteln: die hatten bereits zu Beginn des Jahrtausends einen fachkundigen König – zu einer Zeit, als in der Pfalz die Krone noch deutlich mehr als das Produkt zählte.

Tim Jacobsen

In eigener Sache

Mitte Juni der Aufruf: „600 Euro für einen guten Zweck – oder es gibt sie noch, die kindischen Sachen: wie cool wäre es denn, ausgerechnet beim Mitbewerber den ersten Platz im Fotowettbewerb die-Zeitschrift-Gemüse-wird-60-Jahre-alt zu erringen? Dafür brauche ich Eure Hilfe: bitte für das eigentlich wirklich ganz gut gelungene

abstimmen, den in Aussicht stehenden Barpreis werde ich selbstverständlich einem guten Zweck zuführen. Somit hätten wir dann alle Karmapunkte gesammelt. Besten Dank!“

Mitte Juli das Ergebnis (und die ASF-Freiwilligen bei AMOC in Amsterdam konnten sich über eine finanzielle Zuwendung freuen).

And the gift keeps on giving: Im Gemüse-Newsletter von Anfang September 2024 dann eine unerwartete Fortsetzung.

Risikoabsicherung nützt uns allen

Gut 30 m hoch ist der Weihnachtsbaum, mit dem Uli Hoeneß nach einem Jahr Energiekrisenpause zuletzt erneut das Tegernseer Tal erleuchtete. Da sich zu dieser Zeit bereits ein wenig erfolgreicher Fußballsaisonverlauf andeutete, brauchte er für den Spott nicht zu sorgen. Dazu kam, dass fast frühlingshafte Temperaturen weiße Weihnachten verhinderten, anders dann vier Monate später, als der April mehr oder weniger in einem Schneechaos endete.

Ende Mai kam angesichts von mancherorts bis zu 50 cm Hagel nicht nur der Verkehr im Voralpenraum zum Erliegen, auf Rekordniederschläge folgten Jahrhunderthochwasser, besonders im Donaugebiet. Anders in den Jahren zuvor: Zwischen April und August 2018 regnete es in weiten Teilen Deutschlands kaum. Auch in den Folgejahren war es vielerorts zu trocken.

Klimawandel gibt es schon immer, nur jetzt halt nicht länger in der Form „1934 und dann erst 1974 wieder einmal ein zu warmer Winter“

Vorausgegangen waren ein extrem nasser Herbst und Winter, die dazu führten, dass die Ernte von späträumenden Kulturen, wenn überhaupt, nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden konnte und die Herbstbestellung mit Raps und Wintergetreide vielfach unmöglich war – eine Gemengelage, die dem einen und anderen aus der jüngsten Vergangenheit durchaus bekannt vorkommen dürfte.

Der Dürresommer und die starke Ausweitung des Anbaus von ertragsschwächeren Sommergetreiden führten dann in Folge zu erheblichen Ertragseinbußen, am meisten litt darunter der Futterbau. Um in den Veredlungsbetrieben Kosten zu senken, wurden vermehrt Rinder zur Schlachtung gegeben, Bund und Länder stellten Hilfsgelder für die Landwirtschaft bereit.

Das vom Staat in solchen „Katastrophenjahren“ bereitgestellte Geld ist meist aber nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein; gleichzeitig sind die größten Profiteure oftmals diejenigen, die am wenigsten zur Risikovorsorge unternommen haben. Nicht vergessen werden sollte auch, dass angesichts klammer Haushalte staatliche Ad-hoc-Hilfen zukünftig auch eher die Ausnahme als die Regel sein werden.

Auch Zwischenfruchtanbau, konservierende Bodenbearbeitung, Verbesserung der Wasserhaltefähigkeit des Bodens, effiziente Bewässerungs- und Frostschutztechnik und ausreichend dimensionierte Dränung tragen dazu bei, Risiken zu minimieren, die Gefahr eines Ernteverlusts können sie jedoch nicht ausräumen.

260 Jahre nach der Gründung des weltweit ersten Brandversicherungsvereins in den Elbmarschen begann die Mecklenburgische im Jahr 1797, Hagelversicherungen anzubieten, ein erster Schritt in Richtung bessere Absicherung von Flächen und Kulturen gegen witterungsbedingte Gefahren. Unsere Vorreiterrolle in der Risikovorsorge haben wir jedoch verloren:

Während fast alle EU-Staaten ihren Gärtnern und Landwirten einen Zuschuss zu den Prämien für Versicherungen gegen Dürre, Starkregen, Sturm oder Frost zahlen, wird eine solche Förderung in der Bundesrepublik nicht flächendeckend angeboten. Knapp zwei Drittel Prämienzuschuss sollen es in Frankreich und Polen sein.

Auch in den Benelux-Staaten, Italien, Spanien und Portugal sowie weiteren mittel- und osteuropäischen Ländern wird die Risikoabsicherung stark alimentiert. Dementsprechend stark nachgefragt ist dieses Instrument des Risikomanagements dann auch in diesen Ländern.

Bereits 2019 forderte die Agrarministerkonferenz „einen Prämienzuschuss insbesondere für Sektoren und Risiken vorzusehen, in denen noch kein für die Betriebe wirtschaftlich tragbares Versicherungsangebot am Markt ist oder große Wettbewerbsunterschiede innerhalb der EU bestehen“.

Obwohl die Gemeinsame Agrarpolitik eine Förderung von Mehrgefahrenversicherungen ausdrücklich vorsieht, entstand statt eines großen nationalen Wurfes ein kleinstaatlicher Flickenteppich an Fördertatbeständen. Dabei wäre der finanzielle Aufwand für eine bundesweite Lösung überschaubar:

Die Kosten für eine um die Hälfte bezuschusste Mehrgefahrenversicherung für Ackerkulturen soll bei einem kleinen dreistelligen Millionenbetrag liegen. Kling nach viel Geld, gerade auch in Zeiten, in denen der Bundeshaushalt ein großes Streitthema ist. Dabei geht es dem Fiskus gar nicht so schlecht:

Die Steuereinnahmen steigen immer weiter, schneller sogar als die Preise und auch schneller als das, was Deutschland erwirtschaftet. Allerdings ist das Ganze dann ein bisschen „wie gewonnen, so zerronnen“: die maroden Schienen der Bahn, unsere fehlende Kriegstüchtigkeit, die auf Subventionen beruhende Energiewende und dann natürlich die Schuldenlast, die sich in Zeiten steigender Zinsen verstärkt bemerkbar macht – und schon fehlen 25 Mrd. €.

Die viel zitierten Radwege in Peru werden den Haushalt dabei genau so wenig retten wie Kürzungen bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Rund 130 Mrd. € kostet es uns, dass Menschen Renten bekommen, ohne selbst eingezahlt zu haben. Das Bürgergeld liegt mit allem, was dazu gehört, bei rund 40 Mrd. €. Richtig viel Geld also.

Verständlich aber auch, dass schon die Erwähnung des K-Wortes Menschen auf die Barrikaden bringt. Wie aber weiter? Die Vermögenssteuer, den Spitzensteuersatz, die Einkommenssteuer oder doch lieber die Mehrwertsteuer erhöhen? Es gäbe noch einen anderen Weg: Was, wenn wir, statt Abgaben zu erhöhen, doch einfach wieder die Wirtschaft in Gang brächten?

Man mag über die Merkeljahre denken, wie man will. Den ersten ausgeglichenen Haushalt seit 1969 im Jahr 2014 haben wir Wolfgang Schäubles Mutter, einer „schwäbischen Hausfrau“ zu verdanken.

Ich bin mir sicher, dass Gertrud Schäuble im Sinne ihrer kolportierten Vorstellungen zur Führung solider Privathaushalte, die unter Finanzminister Schäuble dann Staatsräson wurden, für eine einheitlich flächendeckende Bezuschussung einer Risikoabsicherung zur Zukunftssicherung unserer Betriebe plädiert hätte. Fördern und Fordern einmal anders.

Tim Jacobsen

Clarkson’s Farm revisited

In den vorhergegangenen 16 Episoden war bereits mehr als deutlich geworden, dass Jeremy Clarkson nicht unbedingt als Landwirt auf die Welt gekommen ist. Dass die Diddly Squat Farm dennoch lange genug am Leben blieb, um auch die seit Anfang Mai bei Prime Video verfügbare dritte Staffel fertig drehen zu können, liegt vor allem an der tatkräftigen Unterstützung Clarksons durch seine Freundin Lisa Hogan, den Praktiker Kaleb Cooper, den Theoretiker Charlie Ireland und den Mann für alles Gerald Cooper.

Wem die Reise in die Cotswolds zu weit ist, kann den Diddly Squat Farm Shop auch im Internet besuchen

Clarkson wollte angesichts bescheidener bzw. nicht vorhandener Erlöse hinwerfen, Cooper hatte aber bereits mit der Bestellung begonnen und Ireland Dünger geordert, bevor dieser nahezu unerschwinglich wurde. Und so machten sich die fünf, die unterschiedlicher nicht sein könnten, auf in ein neues Jahr, das im Zusammenschnitt herausfordernder nicht hätte sein können. So viel sei an dieser Stelle in Anlehnung an das Märchen-übliche „und wenn sie nicht gestorben sind“ verraten, Staffel vier wird nächstes Jahr erscheinen.

Tim Jacobsen

Bente zum Geburtstag

Eigentlich müsste der folgende Text mit einem Warnhinweis beginnen, immerhin geht es darin um Schurkenstaaten, Ausbürgerungen, Völkermord, Terrorismus, Spionage, Tarifkämpfe mit zweistelligen Abschlüssen, Klimawandel, drohende Deindustrialisierung, staatliche Bevormundung und nicht zuletzt auch um Diktatoren und Invasionen, wären wir nicht alle dieser Themen müde, weil sie uns sowieso jeden Tag mit dicken Lettern aus den Zeitungen anschreien.

Wer nun denkt, dass früher halt einfach sowieso alles besser war, wird nun eines Besseren belehrt, denn es geht im folgenden Text nicht um das Jahr 2024, sondern um genau ein halbes Jahrhundert zuvor:

Fünf Euro ins Phrasenschwein: Alles muss sich ändern, damit es so bleibt, wie es ist

Das Jahr 1974 sollte eigentlich mit Fahrverboten beginnen, stattdessen stellt Horst Brandstätter Anfang Februar auf der Nürnberger Spielwarenmesse erstmals in Playmobil verfeinertes Erdöl vor. Im selben Monat wird Alexander Scholschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen und findet bei unserem Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll Unterschlupf.

Anfang März wird die Vereinbarung über die Einrichtung einer Ständigen Vertretung, die heute nur noch als Kölschkneipe weiterlebt, zwischen den beiden deutschen Staaten unterzeichnet, kurz davor stimmt der Bundestag dem Atomwaffensperrvertrag zu.

Die Roten Khmer legen derweil, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt, das Fundament für die fünfjährige Schreckensherrschaft Pol Pots, der rund ein Drittel der Bevölkerung Kambodschas zum Opfer fällt.

Mitte März werden in Deutschland die als Antwort auf den Ölpreisschock eingeführten Tempolimits wieder abgeschafft, seitdem gilt auf Landstraßen wieder Tempo 100 und darf auf Autobahnen vielerorts nach Belieben gerast werden. Zum ersten Mal gibt es Energieferien, die heute eher unter dem Namen Semesterferien bekannt sind.

Ende März wird das Alter für Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre gesenkt, einen Monat später Günter Guillaume als Spion des anderen Deutschlands entlarvt.

Der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir wird zum Verhängnis, den Jom-Kippur-Krieg ein halbes Jahr zuvor nicht kommen gesehen zu haben und tritt zurück. Die Nelkenrevolution beschert Portugal Demokratie, Augusto Pinochet festigt seine Diktatur in Chile.

Das Schreckgespenst Punkteregister wird am 1. Mai eingeführt, fünf Tage später kommt Bente Jacobsen zwar auch in Flensburg, aber ohne Punkte zur Welt. Am selben Tag, dem 6. Mai 1974 und nur wenige Stunden später tritt der in beiden Deutschlands gleichermaßen beliebte Entspannungspolitiker Willy Brandt zurück.

Am 8. Mai besiegt der FC Magdeburg in Rotterdam AC Mailand und gewinnt den Europapokal der Pokalsieger.

Das NSDAP Mitglied Walter Scheel wird am 15. Mai in der Bonner Beethovenhalle Bundespräsident, am Tag darauf wird Helmut Schmidt wenige Meter rheinaufwärts im Bundestag Kanzler.

Im Wonnemonat Mai betritt auch der 3,71 m lange und 70 PS starke Nachfolger des Käfers die Weltbühne, für 8000 Mark gibt es 800 kg Auto. Der Jubiläumsgolf Edition 50 aus dem Jahr 2024 ist gut einen halben Meter länger, hat mehr als doppelt so viel PS und kommt auf den sechsfachen Kilopreis. Die beiden Modelle bilden den Anfang und auch das absehbare Ende einer 37 Millionen Artgenossen umfassenden Ahnenreihe.

Im Juni 1974 streikt der öffentliche Dienst für drei Tage, rückwirkend zum Jahreswechsel werden die Gehälter um 11 % erhöht.

Die gesetzlichen Grundlagen für das Bundesumweltamt werden geschaffen.

Am 7. Juli werden wir unter tatkräftiger Mithilfe des unlängst verstorbenen Bernd Hölzenbein Fußballweltmeister. Schwalbe ist übrigens eines der wenigen Worte, die das Niederländische eins zu eins aus dem Deutschen übernommen hat.

Hätte das eine Deutschland zuvor nicht gegen das andere Deutschland verloren, hätten statt Schweden, Jugoslawien und Polen die Niederlande, Brasilien und Argentinien gedroht und uns wäre 32 Jahre später der Sommermärchenhit der Sportfreunde Stiller erspart geblieben.

Mitte Juli 1974 geht in Biblis das seinerzeit weltweit größte Atomkraftwerk ans Netz, sieben Tage nach der Katastrophe von Fukushima wird der Reaktor in Block A Mitte März 2011 zum letzten Mal heruntergefahren.

Ende Juli besetzt die Türkei halb Zypern, fast gleichzeitig schütteln die Griechen ihre Militärdiktatur ab.

Präsident Nixon reist ebenfalls im Juli 1974 in die Sowjetunion und wird wenig später in Amerika von der Watergate-Affäre eingeholt. Sein Nachfolger Gerald Ford unterzeichnet im November in Wladiwostok ein Abkommen zur Rüstungskontrolle, zuvor nehmen die USA erstmals diplomatische Beziehungen mit der DDR auf.

Im anderen Deutschland schlägt Frankfurt den HSV, wird Pokalsieger und der FC Bayern zum dritten Mal in Folge Deutscher Meister, bevor die Fohlen erneut die nächsten drei Jahre übernehmen.

Ende August schenkt Ferry Porsche seiner Schwester den überhaupt allerersten 911er mit Heckflosse zum Geburtstag, am anderen Ende der Speedskala steht vielleicht ähnlich stilprägend die Kastenform der in Form des Volvo 240 gegossene Schwedenstahl.

Der wiederum kommt Ende Oktober auf den Markt, als Muhammad Ali gerade mit George Foreman um den Weltmeistertitel aller Klassen kämpft und den bis dahin unbesiegten sieben Jahre jüngeren Foreman in der achten Runde K.O. schlägt.

Zuvor hatte die Volkskammer zum 25-jährigen Bestehen der DDR noch den Begriff der deutschen Nation und das Ziel Einheit aus der Verfassung gestrichen und sich damit endgültig Richtung Breschnew verabschiedet.

Holger Meins stirbt am 9. November in der Justizvollzugsanstalt Wittlich mit einem BMI von 11,6. Am 13. November hält Jassir Arafat eine Rede vor der UNO-Vollversammlung, neun Tage später wird dort die Resolution 3236 angenommen, die das Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung und Eigenstaatlichkeit prinzipiell anerkennt.

So neigt sich Jahr eins nach der durch den Jom-Kippur-Krieg ausgelösten Ölkrise seinem Ende zu, der Dezember 1974 macht dann mit einer zu dieser Zeit zumindest noch außergewöhnlichen Temperaturanomalie den Skifahrern das Leben schwer.

Und so können wir vieles, was uns in diesem Jahr als nicht ganz so gelungen begegnet, bereits in der Rückschau auf 1974 wiedererkennen. Ähnlich wie die Golfstaaten versuchte auch Mobuto mit dem Rumble in the Jungle internationale Anerkennung zu finden.

Die Palästina-Frage ist auch fünfzig Jahre und zahllose Vollversammlungen später ungeklärt und mal gewinnt die eine Fußballmannschaft, mal die andere.

Hohe Energiepreise führen bei Großverbrauchern, in Gesellschaft und Politik zu einer Reaktion, die dann die Menetekel als Übertreibung oder als notwendiger Anstoß zum Wandel entlarven.

Klimawandel gibt es schon immer, nur jetzt halt nicht länger in der Form „1934 und dann erst 1974 wieder einmal ein zu warmer Winter“.

Das vielleicht Schönste, was sich aus 1974 lernen lässt, ist die Geschichte mit dem Golf und dem Käfer. Das bereits erwähnte SS-Mitglied Ferry Porsche war auch an der der Entwicklung des KdF-Wagens maßgeblich beteiligt.

Von 1938 trat der Käfer dann seinen Siegeszug als das bis 2002 und eben jenem Golf weltmeist meist verkaufte Automobil an.

Vierzig Jahre nach der Entwicklung war aber auch der beste Käfer in die Jahre gekommen, die Rendite des Wolfsburger Autobauer stark unter Druck und die weiteren Aussichten alles andere rosig.

Und da entschied sich Volkswagen, mit dem Entwicklungsauftrag 337 gegen Evolution und wählte die Revolution: nicht rund, sondern kantig und eckig, nicht verspielt, sondern streng. Statt luftgekühlter Boxer hinten wassergekühlter Vierzylinder vorne.

Der Mut der Verzweiflung vielleicht, aber ausgezahlt hat er sich und sollte uns allen Mahnung sein.

Tim Jacobsen

Du hast keine Chance, aber nutze sie

Es ist ein bisschen schwierig geworden, die Frage, wie es einem so geht, in voller Überzeugung positiv zu beantworten. Der Grund für die schlechte Laune sind dabei dann nicht unbedingt die kleinen oder großen Zipperlein, von denen die einen von uns mehr, die anderen weniger geplagt sind. Auch die ersteinmal vielleicht etwas gar hohen Spargelsaisoneinstiegspreise haben daran keine Schuld, genau so wenig wie der Temperaturdipp, der den Beginn der Beet- und Balkonsaison auf nach Ostern vertagt.

Wenn bei unserem ehemals fünftwichtigsten Exportpartner Gefangenen Körperteile abgeschnitten werden und das Ganze dann staatlich orchestriert in den sozialen Medien stattfindet, dann ist unseren ehemaligen russischen Freunden einmal mehr gelungen, was kaum möglich schien, nämlich für Fassungslosigkeit zu sorgen.

Putins in Zweckgemeinschaft verbundener Diktatorkollege Kim macht derweil mit einem simulierten Angriff auf sein Nachbarland auf sich aufmerksam und eine „militärische Sonderoperation“ Chinas in Taiwan scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Die Luftbrücke in den Gazastreifen verhilft einmal mehr den Stärkeren zu ihrem „Recht“ und unsere Fregatte „Hessen“ wird im Roten Meer umdrehen müssen, sobald die Munitionsschränke leer sind.

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt darin um“

Herbert Achternbusch

Wie auch im Fall unserer militärischen Unterstützung der Ukraine stellt sich hier berechtigterweise die Frage, wem eigentlich damit gedient ist, wenn unsere Verteidigungsfähigkeit bis ins kleinste Detail in aller Öffentlichkeit diskutiert wird? So reicht dann das kleine Einmaleins, um den Tiger zahnlos werden zu lassen: wenn bis zu 20 Taurus Marschflugkörper benötigt werden, um die Kertschbrücke nennenswert zu beschädigen, dann bleiben von den kolportierten einsatzbereiten 150 bei uns nicht mehr viele über.

Bei den Luftverteidigungssystemen wie dem mit dem klangvollen Namen „Patriot“ sieht es noch ernüchternder aus und wenn dann der französische Staatspräsident – zugegebenermaßen etwas unkoordiniert – Bodentruppen für die Ukraine ins Rennen wirft, dann wirkt das zwar deutlich wehrhafter als die Angst unseres Bundeskanzlers vor der russischen Bombe, zeigt aber auch, dass wir in Zeiten, in denen europäische Einigkeit wichtiger wäre als vieles andere, wir eher dabei sind, uns Bedeutungs-mäßig selbst zu atomisieren.

Umfragewerte der AfD unter dem magischen Verfassungs-relevanten-Drittel werden bereits als Erfolg gefeiert und dann haben wir Donald Trump und den Klimawandel an dieser Stelle auch nur einmal kurz der Vollständigkeit halber erwähnt. Dabei ist Angst eigentlich etwas ganz praktisches, mit erhöhtem Puls und Blutdruck reagieren wir schneller und sind leistungsfähiger als im Normalzustand. Anders verhält es sich aber mit der Angst vor eher abstrakten Dingen wie dem Verlust von Sicherheit oder der diffusen Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen.

Patentrezepte zum Umgang mit dem Gefühl der Hilflosigkeit gibt es leider nicht. Aber nur, weil wir nicht mit einem Handstreich den Klimawandel aufhalten oder uns in die zumindest in unseren Breiten äußerst überschaubare Welt der Kohl-Jahre zurückkatapultieren können, bedeutet das nicht, dass wir nichts machen können. Wer schon einmal während der spoga+gafa durch die Hallen der Messe Köln gewandelt ist, wird bei so manchem Produkt zumindest still und heimlich Nutzen und vielleicht auch Sinn hinterfragt haben.

Vom 16. bis 18. Juni 2024 hat sich die größte Garten- und BBQ-Messe der Welt das Leitthema „Responsible Gardens – verantwortungsvolle Gärten“ auf die Fahnen geschrieben; angesichts des Konsumaufrufs, der mit den meisten der dort gezeigten Artikel einhergeht, eine auf den ersten Blick überraschende Wahl. Auch Aussteller und Besucher aus so gut wie allen Herren Ländern in der Domstadt zusammen zu bringen, scheint erst einmal wenig nachhaltig. Nachhaltig wird das Ganze dann aber genau dadurch, dass eben alle an einem Ort zusammenkommen.

In „verantwortungsvollen Gärten“ ist das Substrat dann vielleicht noch nicht vollkommen Torf-frei und es wird an heißen Sommertagen auch einmal der Wasserhahn aufgedreht, aber bitte nicht vergessen: auch die längste Wanderung beginnt mit einem ersten Schritt. Rechtsstaatlichkeit können wir von Deutschland aus nicht per Dekret in Russland einführen, wohl aber können wir dafür Sorge tragen, dass die Fundamente unserer eigenen Gesellschaft nicht erschüttert werden, sei es nun von rechts, von links oder durch pure Gleichgültigkeit. Ähnlich wie torf-reduziertes Substrat keinen großen Aufwand darstellt, sollte die Europawahl am 9. Juni 2024 mindestens genau so dick wie GreenTech und FlowerTrials in Woche 24 im Kalender markiert sein.

Tim Jacobsen

Streikweltmeister Deutschland?

In der ersten Januarhälfte dieses Jahres war es so, dass die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) streikte, das Ganze aber weitgehend in den Bauernprotesten, die ja sowieso auch das ganze Land lahmlegen sollten, unterging. Später lieferten sich dann GDL und das Bodenpersonal der Deutschen Lufthansa eine Art Wettstreit, und da wollten dann auch die Flugbegleiter nicht außen vor bleiben. Schließlich musste auch der Nahverkehr noch einmal in die Schlagzeilen und am Ende wusste niemand mehr, was noch fährt oder fliegt, von eigenen Transportmitteln einmal abgesehen, die sich dann die Straßen mit anderen Glücksrittern teilten und ganz ohne Blockade von selbst für Entschleunigung sorgten.

Die Bauernproteste gingen dann ein bisschen aus wie das Hornberger oder auf modern vielleicht eher Heilbronner Schießen; zum Glück möchte man im Rückblick meinen angesichts so mancher Parole, die wenig Lösungs-orientiert für ein eher klar unverträgliches Miteinander stand. Wer nun denkt, die bis Ende März 300 Stunden umfassende Bestreikung des Personen- und Güterverkehrs in dieser Tarifrunde sowie die fünf Warnstreiks bei der Lufthansa hätte es in dieser Form noch nie geben, liegt allerdings falsch. 2015 gilt als Spitzenstreikjahr. Vor allem durch die Arbeitskämpfe bei der Deutschen Post und dem sog. Kita-Streik fanden damals mehr als 2 Mio. Arbeitstage nicht statt.

Für das Jahr 2022 weist das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung 225 Arbeitskämpfe mit 674 000 ausgefallenen Arbeitstagen aus, deutlich mehr als die Bundesagentur für Arbeit, die allerdings selbst darauf verweist, dass bei der Verwendung ihrer Daten „die Unsicherheit und Untererfassung des Gesamtniveaus zu berücksichtigen“ seien. International sind wir, was Streiks angeht, eher Mittelfeld. In Belgien und Frankreich fielen von 2012 bis 2021 im Schnitt 96 beziehungsweise 92 Arbeitstage im Jahr je tausend Beschäftigte aus, deutlich mehr als unsere 18 Tage.

Eine Erklärung dafür ist, dass bei uns das Mittel des Arbeitskampfes eigentlich nur in Verhandlungsphasen für Tarifverträge erlaubt ist. In Frankreich hingegen darf jeder zum Streik aufrufen. Anders als in Deutschland sind bspw. auch Generalstreiks zulässig. Neu ist, dass Tarifkonflikte bei uns zuletzt schneller eskalierten. Honni soit qui mal y pense zeigen die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in den letzten Jahren eine deutlich rückläufige Tendenz.

Das mittlere Bruttomonatsgehalt eines Lokführers liegt mit 38 Stunden Wochenarbeitszeit bei 3735 Euro, die Flugzeugabfertiger liegen nicht weitab. Knapp 10 % kürzere Arbeitszeiten und ein gutes Sechstel mehr in der Lohntüte fordert die GDL. Die Kosten durch Arbeitskämpfe für die Gesamtwirtschaft sind schwierig festzustellen. Lufthansa sieht sich 2024 durch Streiks schon mit 250 Mio. € belastet. Die Kosten für einen Tag Bahnstreik beziffert das Institut der deutschen Wirtschaft auf 100 Mio. €.

Unter den aktuellen Arbeitskämpfen leiden aber vor allem Millionen von Reisenden. Und so lässt sich den Forderungen, dass Streiken schön und gut ist, aber irgendwann eben auch ein Ende und wenn es gar nicht anders geht in Form einer Schlichtung haben muss, durchaus etwas abgewinnen. Und wahrscheinlich ist das dann immer noch mehr als der Saldo der „Woche der Wut“, die vielleicht mehr Porzellan zerschlagen hat, als unbedingt nötig gewesen wäre.

Tim Jacobsen

Cannabis Legalisierung: kein Ende in Sicht?

Der derzeit wohl interessanteste Beitrag zur Debatte um die bereits erfolgte und dann wieder rückabgewickelte, die anstehende oder wie auch immer Legalisierung von Cannabis stammt vom britischen Kultregisseur Guy Ritchie: Eddie Horniman tritt im Netflix-Achtteiler das Erbe seines Vaters an, der ihm – ganz das Titel gebende „The Gentlemen“ – allerdings nicht nur ein herrschaftliches, leicht baufälliges Anwesen inklusive Finanzprobleme vermacht hat, sondern auch eine riesige Cannabis-Plantage. Ganz unverhofft gerät Eddie so in Kontakt mit der Londoner Unterwelt, die er mit seinen eigenen Waffen schlagen und sich aus den Geschäftsbeziehungen zurückziehen will.

Soweit der Plan, mit der Zeit findet der Aristokraten-Sohn allerdings Gefallen am Gangster-Dasein.  So flott, wie sich die Handlung in wenigen Worten erzählen lässt, so turbulent, rasant und voller Irrungen und Wirrungen stellt sich das Ganze dann am Bildschirm dar. Natürlich endet der Schlamassel dann auch anders, als wie wo man denkt. Nur wenige Tage nach der Weltpremiere laufen die sozialen Medien heiß mit Spekulationen darüber, wie das in Staffel 2 weitergehen könnte. Wem acht Folgen als Einstieg erst einmal zu lang sind, kann auch mit dem gleichnamigen Spielfilm aus dem Jahr 2019 beginnen, wird dann aber unweigerlich am Ende der achten Folge landen.

Tim Jacobsen

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