"Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!"

Autor: juetim (Seite 9 von 18)

Seit dem erfolgreichen Abbruch einer wissenschaftlichen Karriere lebt und arbeitet Tim Jacobsen gemeinsam mit Frau, Familie, Goldfischen und Katze in Bonn

Zuschauen, entspannen, nachdenken

„Gunda“, der vorerst letzte Filmstreich von Wiktor Kossakowski ist ein Film, der nicht nur, aber vielleicht besonders gut auch in die Weihnachtszeit passt, denn zunächst heißt es einmal durchhalten: minutenlange Studien vom Schwein, später auch vom Huhn und vom Rind sind auch für für Agrarthemen aufgeschlossene Menschen kein täglich Brot. Und während die Tiere einfach nur Tiere sind, werden sie unter unserer Beobachtung langsam zu Individuen. Fast wie im richtigen Leben gibt es augenscheinliche Verlierer, während die Gewinner das tun, was Gewinner auch im richtigen Leben gerne tun, nämlich allen anderen tüchtig auf die Nerven zu gehen.

Der hochauflösenden Schwarz-Weiß-Kamera bleibt kein Detail verborgen, gesprochen wird nicht, alle Sinne beschränken sich auf das Sehen. Nichts wird erklärt, nicht Freiland- gegen Massentierhaltung ausgespielt. Die Szenen spielen nicht in heutzutage gängigen Stallanlagen, die Tiere leben eher so, wie es früher vielleicht einmal üblich war. Nach rund eineinhalb Stunden Tierdoku kündigen dann Traktorengeräusche den ersten Auftritt von Menschen an. Und schon wird aus dem streckenweise etwas längenbehafteten Film eine Begegnung mit der sehr existentiellen Frage danach, woher das Steak auf dem Teller eigentlich kommt – was dann ja eher wieder in die Osterzeit passen würde.

Tim Jacobsen

Stimmungskiller Black Friday

Mit „meet onsite again“ macht Ende November die Messe Berlin noch Appetit auf ihr für Anfang Februar 2022 geplantes Paradepferd Fruit Logistica. Das heiß ersehnte „Face-to-Face“ bringt natürlich so seine Tücken mit sich, und so häufen sich die Pressemitteilungen der Messeveranstalter, in denen, wenn nicht sowieso gleich zur ultima ratio – der Absage – gegriffen wird, zumindest die Zugangsbeschränkungen in immer engerer Taktung verschärft werden.

Gepaart mit Inzidenzen in vor einem Jahr noch unvorstellbaren Höhen und einer Hospitalisierungsrate, die derzeit ebenfalls nur eine Richtung kennt, scheint zumindest eine Reiserücktrittsversicherung für den Fall der Fälle dringend angeraten. Es wird wahrscheinlich nicht ohne ein kleines Wunder gehen, sollen die geplanten Großveranstaltungen in Essen, Berlin und Friedrichshafen tatsächlich anschließen an die superpositiven Messeerfahrungen, die viele von uns zuletzt noch in Aalsmeer, Visselhövede oder Karlsruhe machen durften.

War es früher nur vor Gericht und auf hoher See, dass einem zumindest im Sprichwort die Kontrolle über das eigene Wohl und Wehe von größeren Mächten aus der Hand genommen wurde, sind es nun die Infektionszahlen, die einen Großteil unseres Miteinanders quasi fernsteuern. Ein Blick in die Krankenhäuser genügt, um einen die Alternativlosigkeit möglicher Absagen klaglos akzeptieren zu lassen. Lassen Sie uns dennoch auf das Beste hoffen!

Die Zeiten werden härter

Im Sondierungspapier der uns wahrscheinlich zukünftig Regierenden wurde die eine und andere Klippe elegant umschifft. So soll der Kohleausstieg „idealerweise“ vorgezogen und die „Entwicklung intelligenter Systemlösungen für den Individualverkehr“ lediglich unterstützt werden. Unterstützt werden soll auch die Landwirtschaft, und zwar dabei, „einen nachhaltigen, umwelt- und naturverträglichen Pfad einzuschlagen“. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln soll auf das „notwendige Maß“ beschränkt und Pflanzen „so geschützt werden, dass Nebenwirkungen für Umwelt, Gesundheit und Biodiversität vermieden werden“. Tacheles dagegen dann beim generellen Tempolimit – das es nicht geben wird – und bei der Erhöhung des Mindestlohns – die tatsächlich kommen wird. Mit zwölf Euro Stundenlohn scheint die SPD eines ihrer zentralen Wahlkampfthemen durchgesetzt zu haben.

Sollte der Mindestlohn eigentlich erst zum Sommer 2022 auf über zehn Euro steigen, so könnte er unter Umgehung der Mindestlohnkommission nun handstreichartig um ziemlich genau ein Viertel erhöht werden. Auch wenn das vereinbarte Stillschweigen über Details noch nicht gebrochen wurde, so ist klar, dass zuallervorderstunderst Betriebe mit einem hohen Lohnkostenanteil die Düpierten sein werden, ganz vorneweg dabei einmal mehr unsere Gärtnerinnen und Gärtner.

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Handel und Verbraucher die daraus resultierenden Preisaufschläge einfach so akzeptieren werden. Es ist genauso unwahrscheinlich, dass ein höherer Mindestlohn bei uns Strahlkraft auf das europäische Mindestlohngefüge haben wird. Sollten an der Peripherie Europas ähnliche Verhältnisse gelten wie bei uns, müssten die Mindestlöhne dort nicht um ein Viertel erhöht, sondern in etwa vervierfacht werden. Und selbst dann wären wir von einer Produktionsvollkostenrechnungswaffengleichheit noch immer weit entfernt; ausgeblendet würde außerdem, dass zwar für viele Menschen die Reise an der EU-Außengrenze zu Ende ist, Warenströme aus aller Welt diese jedoch unbeanstandet passieren dürfen.

Welche Auswirkungen Störungen an diesem fein austarierten System haben können, lässt sich derzeit in Großbritannien beobachten. Auch die Eidgenossen konnten den Strukturwandel in ihrer Landwirtschaft allenfalls verlangsamen, aufhalten lässt er sich auch in der Alpenrepublik nicht. Und so ist es dann nur auf den ersten Blick verwunderlich, wenn, wie zuletzt wieder einmal auf dem Global Berry Congress eine Absatzjubelmeldung die nächste jagt – und gleichzeitig die Produktionsflächen im eigenen Land dies nicht widerspiegeln sondern vielmehr rückläufig sind.

Es ist keine einheimische Ware, die da vermehrt über den Tresen geht. Gleichzeitig wird aber auch nur deshalb so viel abgesetzt, da durch das höhere Warenangebot die Preise entsprechend gefallen sind. Der vielzitierte und –diskutierte Eimer voll mit Blaubeeren zum Schleuderpreis ist in Wahrheit dann auch eher ein Menetekel: Allzu lange wird sich unser produktionstechnischer Vorsprung nicht mehr halten lassen, Him- und Brombeeren werden folgen, wenn sie dies nicht bereits schon getan haben. Und das Dumme ist: die genannten Beerenarten stehen mehr oder weniger als Platzhalter für welches Produkt dann auch.

Du hast keine Chance – aber nutze sie!

Herbert Achternbusch

Und so wurde beim Global Berry Congress munter über den ganzen Erdball gehüpft: werden in Spanien die Arbeitskräfte knapp und geht im Süden Marokkos das Wasser zur Neige – warum dann nicht gleich auf nach Südafrika? Sieht man das Ganze nur global genug, verschwinden auch die Unterschiede zwischen Serbien, Rumänien und der Ukraine. Künstliche Intelligenz hilft bei der Standortwahl: Beerenanbau in Indien für China – kein Problem, das Knowhow ist exportier- sowie skalierbar und Kapital, das auf Verzinsung wartet, gibt es genug.

Niemand kann abschätzen, wie Klimawandel, fragile Lieferketten, steigende Energie- und Rohstoffpreise, die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen, der weltweit zunehmende Protektionismus, Digitalisierung und E-commerce sowie die allgegenwärtigen logistischen Herausforderungen und der Arbeitskräftemangel die Handelswelt der Zukunft verändern werden. Vielleicht sogar mehr denn je scheint derzeit alles möglich. Und dann ist es zwar so, dass einer der diesjährigen Nobelpreise an drei Nordamerikaner vergeben wurde, die der Wirtschaftswissenschaft die Augen dafür geöffnet haben, dass auch das wahre Leben Möglichkeiten zuhauf bietet, Ursache-Wirkungsbeziehungen zu erkennen.

Dass sie in einer ihrer berühmtesten Arbeiten zeigten, dass die Einführung eines Mindestlohns nicht zwangsläufig zu erhöhter Arbeitslosigkeit führt, bedeutet aber nicht, wie die Laureaten selbst bereitwillig einräumen, dass das überall und jederzeit so sein muss. Anders dann die Faktenlage beim ebenfalls Nobelpreis-dekorierten ehemaligen Direktor des Deutschen Klimarechenzentrums. Klaus Hasselmanns wissenschaftliche Leistung war nichts weniger, als eine Methode zu entwickeln, die bereits zu einer Zeit, als dies wirklich noch niemand hören wollte, unmissverständlich belegte, dass niemand außer wir selbst am Klimawandel schuld sind.

Tim Jacobsen

Wenn einer eine Reise tut …

Mit dem Fahrrad auf dem Weg von Regensburg an die Südspitze des Gardasees müssen nicht nur einige Alpenpässe bezwungen werden, mindestens genauso herausfordernd ist es, die jeweils geltende Coronaregelgebung zu befolgen:

Lautet das Kommando beim ersten Zwischenstopp diesseits der deutsch-österreichischen Grenze sowohl in der Gastronomie als auch im Hotel noch „Halt, erst Maske und Zertifikat oder ich schieße“, wird es hinter dem Achensee dann deutlich entspannter.

Nach mittlerweile mehr als achtzehn Monaten fühlt es sich zwar etwas seltsam an, ohne Maske im Hotel oder auch im Restaurant unterwegs zu sein, die Gewöhnung setzt in Erinnerung an vergangene Zeiten aber verlässlich und schnell wieder ein.

Etwas, was dem leidigen Einmalhandschuhzwang am Frühstücksbuffet etwas weiter nördlich hoffentlich nie vergönnt sein wird. Da zeigt wohl jede und jeder gern das Impfzertifikat.

Südtirol dann mit Maske unter der Nase, keinen Handschuhen  und Zertifikatfreiheit. Einmal über den großen Berg in der Lombardei rutschen die Masken tiefer, Zertifikate interessieren immer noch nicht, dafür wird das Frühstück in staatstragender Strenge zwangsserviert, ein paar Kilometer weiter südlich mahnt dann wiederum nur noch ein Schild an der Wand die Verwendung nicht vorhandener Einweghandschuhe an und Buffet ist wieder Buffet.

Gänzlich entspannt dann das südliche Norditalien: Maske halbhoch und fast schon als lässiges Modeaccessoire, und nicht einmal für den Pool braucht es einen Erlaubnisschein. Mehr Europa der Regionen lässt sich in sechs Tagen nicht erleben.

Tim Jacobsen

And Now for Something Completely Different

Die Zutaten sind eher unspektakulär: vier Lehrer in der Mitte ihres Lebens samt kriselnder und vergangener Ehen sowie der ewigen Sinnfrage. Statt Lehrerbashing oder billigem Klamauk macht Thomas Vinterberg daraus allerdings einen Film, der einen bedauern lässt, nicht fließend dänisch verstehen zu können. Auch wenn „Der Rausch“ weder die kleinen noch die großen Katastrophen des Lebens ausspart: mehr Lebensfreude gab es auf der großen Leinwand lange nicht mehr zu sehen.

Tim Jacobsen

Mehr als nur Tennis

Es fehlte am Mittwoch nur noch ein letzter Volley: Roger Federer hatte wie schon so oft mit schnellen Schritten seine Rückhand umlaufen, danach mit der Vorhand attackiert und war ans Netz gestürmt. Sein Gegner Hubert Hurkacz hatte sich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich mit dem unausweichlich scheinenden bereits abgefunden – es kam jedoch ganz anders: Federer bekam beim Stand von 2:3 im Tiebreak den heranfliegenden Ball nicht über das Netz, 29 Minuten später hatte er nicht nur den ersten und den zweiten, sondern ohne Punktgewinn auch den dritten Satz verloren.

Der 39-Jährige erlebte am 7.07.21 seinen eigenen, ganz besonderen Federermoment – der so ganz anders als die Federermomente war, die das Publikum von ihm gewohnt ist. Ob Federer dies zum Anlass nehmen wird, sich aus dem Tennissport zurück zu ziehen oder ob er nach den Olympischen Spielen doch noch bei den US Open antritt, wird sich zeigen. Im Interview mit David Foster Wallace erklärte er vor fünfzehn Jahren: „Es ist mein Körper, der entscheidet, wie lange ich spielen werde. Wenn Sie ein bestimmtes Alter erreichen, scheint es, als gäbe es eine Uhr, die die Zeit zählt. Es ist klar, dass früher oder später diese Zeit kommen wird.“

Mit der zweisprachigen Ausgabe von Fosters: „Roger Federer. Eine Huldigung“ erinnert der KIWI-Verlag an die „übermenschliche Karriere“ des Schweizers und erlaubt einen Blick hinter die Kulissen des ältesten und prestigeträchtigsten Tennisturniers der Welt. 112 Seiten kosten 10 € und sind wahrscheinlich eine der letzten Möglichkeiten, auch dem Menschen Federer näher zu kommen und mehr darüber zu erfahren, was ihn antreibt und wie er es schafft, auch in seiner 24. Profisaison die Menschen zu verzaubern.

Tim Jacobsen

“I just thought that’s not difficult. But it’s phenomenally difficult“

Mann muss kein Benzin im Blut haben, um von Top Gear zumindest schon einmal gehört zu haben. Angesichts der, nun ja, eher charismatisch-sperrig, unkonventionell-machohaften Person von Jeremy Clarkson verwundert es nicht, dass dieser irgendwann die brave BBC gegen das quotenhungrige und eher wenig skrupelhafte Prime Video eintauschen musste. Seither darf Clarkson seine etwas aus der Zeit gefallen scheinenden Allüren unter dem Namen The Grand Tour ausleben.

Zu einer Zeit, als Negativzinsen noch kein Thema waren, kaufte Clarkson ein rund 400 ha großes Anwesen in den englischen Cotswolds, das er liebevoll Diddly Squat taufte. Als sich sein Pächter 2019 zur Ruhe setzte, beschloss Clarkson, das Land selbst zu bewirtschaften – und wie könnte es anders sein, sich dabei auch filmen zu lassen. Heraus kam mit Clarkson’s Farm eine Dokuserie zum knuddeln: Eine große Hommage an das Scheitern und vielleicht einer der besten Landwirtschaftserklärfilme überhaupt.

Beim Traktorkauf verschmäht Clarkson den angebotenen Massey Ferguson und lässt sich vom Namen Lamborghini blenden. Schon bald muss er jedoch feststellen, dass dieser Traktor zu groß und das Bearbeiten des Ackers schwerer ist als gedacht. Der Einsatz eines Quadrocopters anstelle des vermeintlich teureren Hütehundes in der Schafszucht bringt nur kurzfristig Erfolg.

Der Besuch eines Hofladens bringt Clarkson auf die Idee, dass so ein Hofladen auch für seinen Betrieb eine gute Idee sein könnte, dieses Unterfangen umzusetzen erweist sich als genauso schwierig wie das Renaturierungsprojekt. Die Corona-Pandemie, sinkende Erzeugerpreise und eine Hitzewelle bereiten das große Finale vor, in dem es dann zur ernüchternden Abrechnung kommt.

Clarkson selbst führt unter den zehn größten Herausforderungen seines ersten Jahres als Farmer acht auch in unseren Breiten wohlbekannte auf: “Weather, weather, weather, weather, Brexit, weather, COVID, weather, weather and sheep would be the 10 biggest problems that we had.” Vergnügliche fünf Stunden Serienmarathon nicht nur für regnerische Tage.

Tim Jacobsen

Eat Them to Defeat Them

In Coronazeiten sind Filme, die als Miniserien feilgeboten werden, keine Außergewöhnlichkeit mehr. Spektakulär ist und bleibt, was die Kollegen von Veg Power und ITV in ihrer Eat Them to Defeat Them-Kampagne auf die Beine stellen. Am 29. Mai 2021 feierte ihr letztes Machwerk im englischen Fernsehen Premiere. In Deutschland zu sehen ist das von Total Produce und einer Reihe großer Einzelhändler wie Sainsbury’s, Asda und Tesco sowie dem Tiefkühlspezialisten Birds Eye gesponserte Medienereignis sowie die Vorgängerclips unter Eat Them To Defeat Them – YouTube (to be played at maximum volume).

Tim Jacobsen

War da was?

Ja, liebe Kinder, es gab einmal eine Zeit, da haben sich nicht alle hinter Masken versteckt. Das war ungefähr genau zu derselben Zeit, als zu wenig Abstand zwar als unangenehm, aber nicht als möglicherweise Tod-bringend empfunden wurde.

Es hat im letzten Jahr nicht lange gedauert, bis Zugangsbeschränkungen für Supermärkte der Normalzustand geworden waren und Restaurantbesuche etwas, das bald nur noch Kindheitserinnerungen glich.

Die Bilder von den ersten deutschen Touristen, die Mitte Juni letzten Jahres nach drei Monaten faktischer Nichterreichbarkeit wieder auf der Baleareninsel Mallorca landen durften, erinnerten in ihrer Emotionalität beinahe an die deutschdeutsche Grenzöffnung.

Fast schien es, als ob am Flughafen abgetastet zu werden, möglicherweise auf dem Weg dahin im Stau zu stehen um dann supergestresst den allerletzten Platz im Parkhaus zu ergattern, natürlich halb zugeparkt vom Nachbarauto, genau das Leben gewesen war, dass wir mit sofortiger Wirkung gerne genau so wieder haben wollten.

Neben den Beklatschten und dann nur in Einzelfällen zusätzlich entlohnten gab es in der Pandemie auch die, die sich schön einrichteten in der Bequemlichkeit des Homeoffices. Sorgten im Frühjahr 2020 in Videokonferenzen hereinplatzende Kinder oder plötzlich auftauchende Boxershorts noch für Klickzahlen auf Youtube, lösten ein Jahr später entsprechende Videoclips selbst bei den Betroffenen allenfalls noch Gähnreiz aus.

Die gute Nachricht: mittlerweile gibt es so gut wie keine Totalverweigerer mehr, was Onlinekommunikationsmöglichkeiten angeht. Was das für die Zukunft bedeutet, kann allerdings nur die Zukunft zeigen.

So teilte sich die Gesellschaft in die, die länger schlafen konnten, da ihnen ja jede Menge Pendelei erspart blieb, und die, deren Schichten im Krankenhaus stets länger und länger wurden – oder deren Zustellbüschen immer tiefer und tiefer in den Stoßdämpfern hing.

Die Jogginghosenfraktion sorgte in Kooperation mit den Zustellbrigaden dafür, dass Amazon letztes Jahr seinen Gewinn gegenüber dem Vorjahr verdoppeln konnte. Mindestens vierfach war wahrscheinlich die Freude bei Jeff Bezos: die rekordverdächtigen 5,2 Mrd. US$ musste er erstmals nicht mit einem Ehepartner teilen.

Rekordverdächtig auch die Anzahl der Häufigkeit des Abrufs von Fehlinformationen im Internet: rund 3,8 Mrd.-mal soll 2020 auf so genannte Fake News geklickt worden sein. Seiten, die im Internet einen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunkstandard 5G und Covid-19 herstellen, scheinen besonders beliebt gewesen zu sein. Da ist es fast schon eine Randnotiz, dass Facebook weltweit mittlerweile 1,8 Mrd. Nutzer zählt.

Verrückte Zeiten

Tim Jacobsen

Kinofilme, die es nicht ins Kino geschafft haben, da niemand ins Kino durfte, laufen auf den einschlägigen Streamingplattformen, die wiederum auch Rekordgeschäftsergebnisse verbuchen konnten. Hightechfitnessgeräte ermöglichen ein betreutes Training, das dem im echten Studio kaum nachstehen muss, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Mahlzeitpakete schenken das Glücksgefühl gelungener Gerichte, ohne dafür Einkaufslisten schreiben oder Kochbücher studieren zu müssen. Die entsprechenden Anbieter verzeichnen naturgemäß ebenfalls Rekordumsätze und werden in den entsprechenden Statistiken über Absatzwege mittlerweile wie selbstverständlich neben den traditionellen Lebensmitteleinzelhändlern aufgeführt.

Und so ist die spannende Frage, wohin unsere gemeinsame Reise denn gehen wird: zwar sind wir zweifelsohne soziale Wesen, die sich in Gemeinschaft am wohlsten fühlen. Aber wir sind auch Gewohnheitstiere, die sich nur schwer aus dem Trott bringen lassen: stabile vier Fünftel befürworten in Umfragen einen entschlossenen Kampf gegen den Klimawandel. Die Umsatzzahlen der deutschen Autoindustrie erreichten Ende Mai aber bereits wieder das Niveau der Vorcoronazeit.

Mit mittlerweile mehr als 1 Mrd. Euro bewerten Investoren ein Berliner Startup namens Gorillas. Hinter dem einer Primatengattung aus der Familie der Menschenaffen entlehnten Namen verbirgt sich ein so genannter Liefer-Supermarkt. Fahrradkuriere liefern Lebensmittel, die die Kunden per App bestellen. Die Auswahl ist zwar nicht so groß wie in klassischen Supermärkten, für den täglichen Bedarf reicht es jedoch allemal. Preislich liegt das Angebot nur wenig über dem Niveau der stationären Konkurrenten wie Rewe und Edeka.

Auf den Produktpreis wird eine Liefergebühr von 1,80 € aufgeschlagen. Umgerechnet in Mindestlohn wären das zehn Minuten vom Verlassen des eigenen Hauses bis zum Einräumen des Kühlschranks. Es könnte also durchaus sein, dass einige doch noch etwas länger brauchen, bis sie wieder außerhalb der eigenen vier Wände anzutreffen sind. Zehn Minuten soll auch die Lieferzeit von der Bestellung bis zur Haustür betragen.

Tim Jacobsen

Erfurt: immer eine Reise wert (und in diesem Jahr ganz besonders)

Spätestens mit der „Allgemeinen deutschen Ausstellung von Produkten des Gartenbaus und der Landwirtschaft“ hat Erfurt seinen Ruf als Blumenstadt zementiert. Agaven, Tabak und Ananas waren vor knapp 150 Jahren ähnlich exotisch wie Blumenkohl und Brunnenkresse wiederum 150 Jahre zuvor. Hätte Gartenpionier Christian Reichart als Spross einer reichen Erfurter Familie nicht vor 300 Jahren mit dem Anbau von Kreuzblütlern experimentiert, hätte es nicht nur sein 1753 erschienenes Hauptwerk „Land- und Gartenschatz“ nicht gegeben, auch die älteste Kakteengärtnerei der Welt hätte sich wahrscheinlich nicht so lange auf dem Markt halten können und weder Brunnenkresse noch Blumenkohl wären jemals typisch Erfurter Erzeugnisse geworden.

So gibt es eine ganze Menge zu feiern, wenn in diesem Jahr die Bundesgartenschau gewissermaßen wieder an ihren Geburtsort zurückkehrt. Zwar ist die Feierlaune pandemiebedingt noch etwas verhalten, die Frühlingsblüher haben dennoch in bravouröser Weise ihren Job erledigt und Platz gemacht für den Sommerflor auf den beiden Hauptstandorten ega-Park und Petersberg samt dem mit Aufzug erreichbaren Panoramablick über die Erfurter Altstadt. Ein Besuch des neuerrichteten Danakils, eines Gewächshauses, das karge Wüsten- mit üppiger Dschungellandschaft kontrastiert, verkürzt derweil das Warten auf die Wiedereröffnung des Gartenbaumuseums. Tagesaktuelle Informationen zu Öffnungs- und Schließzeiten lassen sich unter www.buga2021.de abrufen.

Tim Jacobsen

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