Hamlet lässt grüßen: Da werden erst unheilvolle Allianzen geschmiedet, um überhaupt an die Macht zu kommen. Dann wird im Glücksgefühl, diese Macht ausbauen zu können, die allgemeine Stimmungslage falsch interpretiert und schon ist er da, der Scherbenhaufen. Hilft wohl nichts, denken sich die dafür Verantwortlichen, besser einmal weggeduckt und den Schlamassel anderen überlassen. Aber halt, hatte Remainbefürworter James Cameron denn nicht eigentlich auch selbst immer alles schlecht gemacht, was aus Brüssel kam? Um dann gewissermaßen durch Wunderheilung zum Supereuropäer mutiert innerhalb weniger Wochen zu versuchen, das britische Stimmungsruder in Richtung Europa herum zu reißen?
Oder hat Europa nicht doch auch an manchen Punkten klar versagt? Ist es uns Europäer gelungen, zu den Entwicklungen in Russland oder der Türkei eine nennenswerte Haltung zu entwickeln? Klar, es dürfen seit dem 12. September 2014 keine „Produkte für die Ölexploration“ mehr in Richtung Osten ausgeführt werden, zu Beginn der EU-Sanktionen waren davon sogar Stihls Erdbohrgeräte sowie Kettensägenersatzteile betroffen – aber hat es sich dafür gelohnt, die Märkte für landwirtschaftliche Produkte auf Talfahrt zu schicken?
Es wird immer wieder behauptet, dass es keine demokratischen Strukturen in Brüssel gibt – in Wahrheit gab es aber noch nie mehr Demokratie
Tim Jacobsen
Und gibt es denn die ganze Migrationsdiskussion tatsächlich erst, seitdem Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof angekommen sind? Oder hatte nicht Italien schon seit längerem versucht, das Flüchtlingsthema auf die europäische Agenda zu setzen, wurde dann aber stets ausgebremst, auch von uns. Die Bevölkerung Europas soll mit 500 Millionen Einwohnern auf Jahre hinaus stabil bleiben, anders die Lage südlich des Mittelmeeres: Aus der einen Milliarde Menschen sollen spätestens gegen Mitte des 21. Jahrhunderts eineinhalb geworden sein, auf der Schwelle zum 22. Jahrhundert könnten den 500 Millionen Europäern dann schon zwei Milliarden Afrikaner gegenüberstehen.
Wie wollen wir die davon abhalten, zu uns kommen zu wollen, ohne dass, wie es immer so poetisch heißt, unsere Menschlichkeit Schaden nimmt? Und wie gleichzeitig sicherstellen, dass diejenigen, die sich auf der Flucht befinden, auch weiterhin Zugang zu uns haben? Wie könnte eine Angleichung der Lebensverhältnisse gelingen? Wie soll das zwischen Kontinenten funktionieren, wenn es schon innerhalb Europas unmöglich und selbst innerhalb unserer Bundesrepublik diskussionswürdig scheint? Funktioniert Europa nicht schon immer in verschiedenen Geschwindigkeiten, auch wenn die politische Losung anders lautet?
Warum ist Osteuropa eigentlich – anders als noch vor zehn Jahren – ein Austragungsort europäischer Begeisterung mehr? Konnte nicht vielleicht der Absturz nur kommen, weil die Wachstumskurve in den Jahren zuvor stets steil nach oben zeigte? Und waren nicht auch Spanien und Portugal, als dort noch Diktatoren das Sagen hatten, bettelarme Länder? Wie würde die Welt heute aussehen, hätte Großbritannien nicht nach der Besetzung Frankreichs bis zum Kriegseintritt der UdSSR allein auf weiter Flur Widerstand gegen Hitlerdeutschland geleistet? Wie würde unsere Welt aussehen, wenn es nach den ganzen Krakeelern ginge? Erledigen nicht eigentlich die, die Angst haben vor den EU-Gegnern, deren Geschäft? Haben wir unseren Wohlstand denn nicht auch der Freizügigkeit – einem der europäischen Grundpfeiler schlechthin – zu verdanken?
„Europa ist nicht das Paradies, aber der bessere Teil der Welt“, erklärte Navid Kermani unlängst im Gespräch mit Norbert Lammert. Die beste Erklärung dafür, was Europa ausmacht, fiel im weiteren Verlauf an diesem denkwürdigen Abend im Bonner Haus der Geschichte dann allerdings weitgehend unbemerkt: „Es gibt in Istanbul genauso wie in Indonesien und im Libanon Menschen, die europäisch denken und fühlen.“ Und da waren sie, die Ideen der Aufklärung, die hoffentlich stärker sind als alle Nizzas, Würzburgs, Ankaras, Ansbachs und Rouens dieser Welt – und die hoffentlich auch die hartgesottensten Schnäppchenjäger unter den europäischen Politikern zur Vernunft bringen.
Vernunft, die dieser Tage generell Mangelware geworden zu sein scheint: wie lässt es sich anders erklären, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen am Abend des Münchner Amoklaufs stundenlang Twittermeldungen zitiert, als wären diese 140 Zeichen langen Mitteilungen der Stein der Weisheit – und wie konnte es so weit kommen, dass die relativ vagen Aussichten auf weibliche Gesellschaft im Paradies mittlerweile einhergehen mit dem konkreten Versprechen augenblicklicher Berühmtheit.
Tim Jacobsen
Neueste Kommentare