Nachrichten zur Wettbewerbslage

"Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!"

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Weit weg und doch so nah

Es ist schon einige Zeit her, dass die Niederländer im Achtzigjährigen Krieg den Stöpsel aus dem letzten noch intakt gebliebenen Deich an ihrer Südgrenze zogen und damit die Unabhängigkeit der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande von der spanischen Krone markierten. Wahrscheinlich hätten die von den Wassermassen hauptsächlich betroffenen Bewohner der Ortschaft Saeftinghe samt Umgebung auf den sehr poetischen, aber mit nassen Füssen erkauften Ehrentitel „Verdronken Land van Saeftinghe“ seinerzeit gut verzichten können – noch dazu, da es dann ja knapp 350 Jahre dauerte, bis 1907 der Deich wieder dicht war und der Polder nach Herzogin Hedwig benannt wurde.

Als letztes dem Meer abgerungenes Stück Land im belgisch-niederländischen Grenzgebiet erlangte der Hedwigepolder einige Berühmtheit. Seit 2005 steht der Hertogin Hedwigepolder nun erneut im Rampenlicht: ähnlich wie Jahrhunderte zuvor, stehen die knapp drei Quadratkilometer symbolisch für Entwicklungen mit weit größerer Tragweite als nur die Frage, ob es sinnvoll sein kann, fruchtbarstes Ackerland zu fluten. In der ganzen Diskussion, die sich in gewisser Weise verselbständigt hat, geht es mittlerweile eigentlich auch um die Frage, wie wir zukünftig leben wollen.

2005 war das Jahr, indem sich die Niederlande und Belgien darauf einigten, genau auch dieses Stück Küstenlinie unter Wasser zu setzen, als Kompensation für das Ausbaggern der Westerschelde, das als notwendig erachtet wurde, um im olympischen größer-schneller-weiter Konzert der weltweit größten Häfen auch weiterhin mitspielen zu dürfen. 2019 muss alles fertig sein und alle mehr oder geschickten Versuche, alternative Lösungen zu finden, fanden in den Augen der Europäischen Kommission keine Gnade.

Flandern zog 2012 die Reißleine, was dazu führte, dass auch die Scheldeanrainer Niederlande Farbe bekennen mussten und die Enteignungsmaschinerie entlang der Hafenzufahrt in Gang setzten. Unter diesen Vorzeichen also kehrt Chris de Stoop, nachdem sein Bruder aus dem Leben geschieden und seine Mutter im Altersheim gelandet ist, nicht nur zurück auf den Hof seiner Jugend, sondern mittenrein ins Epizentrum dieser Entwicklung und beobachtet die Welt um ihn herum.

Diese Tragödien gibt es überall, das versteht man vielleicht nach der Lektüre von Chris de Stoops Buch „Das ist mein Hof: Geschichte einer Rückkehr“ besser

Tim Jacobsen

Hatte de Stoop in seinem Erstlingswerk „De Bres“ noch beschrieben, wie sich die Ortschaften und das Zusammenleben durch das Wachstum des Antwerpener Hafens verändern, überrumpelt er mit „Das ist mein Hof“ die Leser gleich mehrfach: zum einen mit einem bittersüßen Lob- und Klaggesang auf das traditionsreiche Bauernleben im Polder, zum anderen mit der Parallelität der Entwicklungen – es geht eben nicht nur um den Bauernstand, es geht auch um die kleinen Läden, um die Handwerker, die Verkäuferinnen, letztendlich um alles, was kein multinationaler Konzern ist.

Und es geht auch um globale Entwicklungen, wie Schriftstellerkollege Tom Lanoye in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Preises des unanhängigen Buchandels an de Stoop anhand einer Geschichte verdeutlichte, die er kurz zuvor in der südafrikanischen Tageszeitung „Die Burger“ gelesen hatte: ein Mann, der auf dem Jahre zuvor aufgenommenen Portraitfoto noch selbstsicher kraftvoll wirkte und Zuversicht ausstrahlte, gerät stets mehr in die Mühlen der Gegenwart: zu viele Schulden, zu große Konkurrenz, zu kleine Ernte, Dürre, keine Frau, Verbitterung und ein herzzerreißendes Ende, dessen Eintreten er selbst bestimmt. „Diese Tragödien gibt es überall, das versteht man vielleicht nach der Lektüre von Chris de Stoops Buch besser.“

Und es geht darum, was Natur eigentlich ist. Für de Stoop lässt sich Natur und Landwirtschaft nicht auseinanderdividieren. Die „Bauernnatur“ nennt er dies. Dem gegenüber steht, was er die „Neue Natur“ nennt. De Stoop erklärt, was er damit meint, am Beispiel der renaturierten Grote Geule: „Auf etwas mehr als einem Kilometer Flusslauf stehen wahrscheinlich ein Dutzend Schilder, auf denen zu lesen ist, warum dieses Gebiet so bedeutsam ist. Je mehr Schilder stehen, umso mehr verliert sich allerdings der Bezug: Ich darf kucken, ich lerne was, aber ich bin kein Teil der Natur mehr.“

Mit 600 ha in den Niederlanden und 1100 ha in Belgien sollen die Hafenausbreitung und die Fahrrinnenvertiefung kompensiert werden. Eine Koalition aus Naturschützern und Hafenbetreibern hatte sich darauf verständigt, fünf Prozent des Hafengebietes als Naturschutzfläche auszuweisen. De Stoop klassifiziert die „Neue Natur“ als Fälschung, wie ein Kunstwerk, das nicht echt ist: „Warum muss der Landstrich mit den dicksten Rindern der Welt einer Natur weichen, deren Sinn es scheint, auf den Evaluierungsbögen ihrer Macher eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen. Natur, wie ein Container, der mal hier mal hier aufgestellt werden kann?“

Es kann natürlich sein, dass es das, was de Stoop sucht, vielleicht gar nicht mehr gibt, vielleicht auch nie gegeben hat und sich überdüngte Maisäcker, eingeebnete Kartoffelfelder samt todgespritzter Grachten dazwischen ja auch nicht einfach so wegdiskutieren lassen. Weshalb dann das Spannungsfeld vielleicht letztendlich auch weniger im Schnittbereich zwischen Naturschutz und Landwirtschaft, sondern vielmehr im Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne, Geschichte und Gegenwart liegt – und eben auch in der Frage, wie wir den gerne leben wollen. Ein sehr lesenswertes Buch.

Tim Jacobsen

Medienschelte – einmal positiv

Die Geschichte des Nördlinger Ries´ ist für sich genommen schon äußerst spektakulär: rund 1,5 km Durchmesser soll er gehabt haben, der Himmelskörper, der sich vor gut 14 Mio. Jahren ausgerechnet in das bayerisch-schwäbische Grenzgebiet verirrte – das durch den Aufprall entstandene Binnengewässer in Bodensee-Größe hatte in den Folgejahren viel Zeit zu verlanden und prunkt heute mit besten Böden.

Die Tracht im Ries ist speziell, der Dialekt auch. Wobei der Rieser Bauernkittel von weitem bereits leicht erkennbar ist, der Dialekt eher weniger. Denn, und das wird in Aaron Lehmanns „Die letzte Sau“ schnell deutlich, Plaudertaschen sind sie eher nicht, die Bewohner des weltweit am besten erhaltenen Impaktkraters. Einen passenderen Ort hätte Lehmann dann auch kaum finden können, um dem sog. Bauernsterben ein Gesicht zu geben – und dabei weder auf die Tränendrüse zu drücken noch in Betroffenheitsgedöns zu verfallen.

„Eigentlich scho a wahnsinns Aufwand für a bissle Wurscht. Wenn man sich das amal vorstellt“

Bauer Huber

Mit grimmigem Humor wird die Geschichte eines braven und rechtschaffenen Mannes erzählt, der irgendwann merkt, dass er mit seinem kleinen Hof gegen die Großbauern nicht anstinken kann – und die Rieser Stammtischlosung „schlimmer kos nemma wera“ dem Realitätscheck leider nicht standhält:

Als der Bauer Huber eines Tages aufsteht, sein Bett zusammenbricht, die Dusche kalt bleibt, die Schubkarre einen Platten hat, die Freundin Richtung Osten verschwunden ist und die Hausbank sich wenig kooperativ zeigt und die Kreditverhandlungen zudem überschattet werden vom Ableben des Metzgers Willi, der von dem ebenfalls über ihm kreisenden Pleitegeier zum Banküberfall angestiftet wurde, werden diese kleinen und großen Schicksalsschläge noch getoppt vom Meteor, der ausgerechnet während der Bestattung von Hubers bestem Freund Willi im Huberhof einschlägt und dem Huber bis auf sein „Moped“ und die filmnamensgebende „letzte Sau“ alles nimmt bzw. alles in Bewegung setzt.

In entfernt an Karl May erinnernder landestypischer Kleidung begibt sich Huber mit der Sau im Beiwagen auf eine – seine – Reise und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen: sarkastisch, anarchisch, urkomisch und todtraurig stellt „Die letzte Sau“ mit der Leichtigkeit, mit der die Handlung springt, und die in starkem Gegensatz zum sprachlichen Schwermut steht, Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt: Wer sind die Guten, wer sind die Bösen? Wer ist Opfer, wer ist Täter?

Die Angst, dass dies alles in der billigen Polemik einer Groß-Klein- bzw. Chemisch-Ökodialektik enden könnte, ist unbegründet. Denn Huber begegnet den Menschen unvoreingenommen, und auch wenn nicht viel geredet wird, wird doch viel gesagt. Zu Beginn seiner Reise trifft Huber beispielsweise. einen frischgebackenen Imker, dem man zwar nicht unbedingt zutraut, auf eigenen Füßen bis zum nächsten Ortsschild zu kommen, dessen Losung „Die Welt ist ein dunkler Ort, deshalb müssen wir Leuchtfeuer anzünden“ gleichwohl in gewisser Weise die Filmhandlung vorwegnimmt.

Diese Leuchtfeuer führen im weiteren Verlauf dann tatsächlich zu dem vom Erzähler Filmeingangs versprochenen „Märchen vom Bauern Huber und wie er ein rechtes Durcheinander gemacht hat“.

Und ob das Ganze dann in dem Ende September in die Kinos gekommenen Film noch ein gutes Ende nimmt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Mehr als jede `Wir machen frisch´, `sauber´, `zart´ oder `Dein Frühstück´-Kampagne setzt der Film in den Zuschauern etwas in Gang, etwas im Sinne eines `ist der Bauer in dem ihm abverlangten Spagat zwischen artgerecht und billig nicht vielleicht sogar die ärmste Sau von allen´?

Und auch, wenn nicht jeder den Mut aufbringt, aus dem „so gots net weida“ des Filmes direkt Konsequenzen zu ziehen, sind es die sprichwörtlichen Tropfen auf die Kraterwand, sich Gedanken über das eigene Handeln zu machen:

Was kann man beispielsweise selbst dazu beitragen, dass es den Bäcker mit den besten Brezen und den Obst- und Gemüsehändler mit dem frischesten Salat und den knackigsten Äpfeln auch morgen noch gibt? Schließlich hilft jeder kleine Tropfen oder wie Hubers Freundin Birgit am Ende des Filmes resümiert: „Mei Huber. Vorher wars o it super. I find´s jetzt besser. Isch o it super, aber besser.“

Tim Jacobsen

Fazit: „Eigentlich scho a wahnsinns Aufwand für a bissle Wurscht. Wenn man sich das amal vorstellt“

Krimkrise, Brexit, Putsch und Terror: Zeit für großes Drama

Hamlet lässt grüßen: Da werden erst unheilvolle Allianzen geschmiedet, um überhaupt an die Macht zu kommen. Dann wird im Glücksgefühl, diese Macht ausbauen zu können, die allgemeine Stimmungslage falsch interpretiert und schon ist er da, der Scherbenhaufen. Hilft wohl nichts, denken sich die dafür Verantwortlichen, besser einmal weggeduckt und den Schlamassel anderen überlassen. Aber halt, hatte Remainbefürworter James Cameron denn nicht eigentlich auch selbst immer alles schlecht gemacht, was aus Brüssel kam? Um dann gewissermaßen durch Wunderheilung zum Supereuropäer mutiert innerhalb weniger Wochen zu versuchen, das britische Stimmungsruder in Richtung Europa herum zu reißen?

Oder hat Europa nicht doch auch an manchen Punkten klar versagt? Ist es uns Europäer gelungen, zu den Entwicklungen in Russland oder der Türkei eine nennenswerte Haltung zu entwickeln? Klar, es dürfen seit dem 12. September 2014 keine „Produkte für die Ölexploration“ mehr in Richtung Osten ausgeführt werden, zu Beginn der EU-Sanktionen waren davon sogar Stihls Erdbohrgeräte sowie Kettensägenersatzteile betroffen – aber hat es sich dafür gelohnt, die Märkte für landwirtschaftliche Produkte auf Talfahrt zu schicken?

Es wird immer wieder behauptet, dass es keine demokratischen Strukturen in Brüssel gibt – in Wahrheit gab es aber noch nie mehr Demokratie

Tim Jacobsen

  Und gibt es denn die ganze Migrationsdiskussion tatsächlich erst, seitdem Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof angekommen sind? Oder hatte nicht Italien schon seit längerem versucht, das Flüchtlingsthema auf die europäische Agenda zu setzen, wurde dann aber stets ausgebremst, auch von uns. Die Bevölkerung Europas soll mit 500 Millionen Einwohnern auf Jahre hinaus stabil bleiben, anders die Lage südlich des Mittelmeeres: Aus der einen Milliarde Menschen sollen spätestens gegen Mitte des 21. Jahrhunderts eineinhalb geworden sein, auf der Schwelle zum 22. Jahrhundert könnten den 500 Millionen Europäern dann schon zwei Milliarden Afrikaner gegenüberstehen.

Wie wollen wir die davon abhalten, zu uns kommen zu wollen, ohne dass, wie es immer so poetisch heißt, unsere Menschlichkeit Schaden nimmt? Und wie gleichzeitig sicherstellen, dass diejenigen, die sich auf der Flucht befinden, auch weiterhin Zugang zu uns haben? Wie könnte eine Angleichung der Lebensverhältnisse gelingen? Wie soll das zwischen Kontinenten funktionieren, wenn es schon innerhalb Europas unmöglich und selbst innerhalb unserer Bundesrepublik diskussionswürdig scheint? Funktioniert Europa nicht schon immer in verschiedenen Geschwindigkeiten, auch wenn die politische Losung anders lautet?

Warum ist Osteuropa eigentlich – anders als noch vor zehn Jahren – ein Austragungsort europäischer Begeisterung mehr? Konnte nicht vielleicht der Absturz nur kommen, weil die Wachstumskurve in den Jahren zuvor stets steil nach oben zeigte? Und waren nicht auch Spanien und Portugal, als dort noch Diktatoren das Sagen hatten, bettelarme Länder? Wie würde die Welt heute aussehen, hätte Großbritannien nicht nach der Besetzung Frankreichs bis zum Kriegseintritt der UdSSR allein auf weiter Flur Widerstand gegen Hitlerdeutschland geleistet? Wie würde unsere Welt aussehen, wenn es nach den ganzen Krakeelern ginge? Erledigen nicht eigentlich die, die Angst haben vor den EU-Gegnern, deren Geschäft? Haben wir unseren Wohlstand denn nicht auch der Freizügigkeit – einem der europäischen Grundpfeiler schlechthin – zu verdanken?

„Europa ist nicht das Paradies, aber der bessere Teil der Welt“, erklärte Navid Kermani unlängst im Gespräch mit Norbert Lammert. Die beste Erklärung dafür, was Europa ausmacht, fiel im weiteren Verlauf an diesem denkwürdigen Abend im Bonner Haus der Geschichte dann allerdings weitgehend unbemerkt: „Es gibt in Istanbul genauso wie in Indonesien und im Libanon Menschen, die europäisch denken und fühlen.“ Und da waren sie, die Ideen der Aufklärung, die hoffentlich stärker sind als alle Nizzas, Würzburgs, Ankaras, Ansbachs und Rouens dieser Welt – und die hoffentlich auch die hartgesottensten Schnäppchenjäger unter den europäischen Politikern zur Vernunft bringen.

Vernunft, die dieser Tage generell Mangelware geworden zu sein scheint: wie lässt es sich anders erklären, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen am Abend des Münchner Amoklaufs stundenlang Twittermeldungen zitiert, als wären diese 140 Zeichen langen Mitteilungen der Stein der Weisheit – und wie konnte es so weit kommen, dass die relativ vagen Aussichten auf weibliche Gesellschaft im Paradies mittlerweile einhergehen mit dem konkreten Versprechen augenblicklicher Berühmtheit.

Tim Jacobsen

Macht was draus: Klappern gehört zum grünen Handwerk

Stille Wasser sollen angeblich tief sein: Sich rar zu machen, um dadurch interessant zu wirken, mag vor ein, zwei Generationen noch das Geheimrezept für eine erfolgreiche Balz gewesen sein. Heutzutage geht diese Rechnung allerdings nicht mehr auf, zu vielfältig sind die Alternativen – dies gilt für die Liebe genauso wie für Sportgroßereignisse im Buhlen um Aufmerksamkeit oder Berufssparten im Kampf um den Nachwuchs.

So gesehen hat der Produktionsgartenbau dann so einiges gemein mit einer Hochseeregatta. Bis vor wenigen Jahren waren Segelrennen das Meeresäquivalent der 50 km Rennen der Skilangläufer zu Zeiten des Kalten Krieges. Die Wettkämpfe wurden jeweils am Ende einer Sackgasse gestartet, danach verschwanden Läufer und Crews in einem Wald oder hinter dem Horizont, um entweder am selben Punkt oder an einem anderen Sackgassenende in Reihenfolge ihrer Platzierung wieder zum Vorschein zu kommen.

Mittlerweile wurden im Skilanglauf die großen Wälder abgeschafft, die medaillenträchtigen Wettbewerbe ähneln heutzutage Trabrennen mit integriertem Auf und Ab. Neuartige Formate wie die Mixed-Staffelwettbewerbe oder die Kombination verschiedener Lauftechniken haben dazu beigetragen, Skilanglauf gegen äußerst starke Konkurrenz im Hauptprogramm zu halten.

Es geht um Mut, es geht um Leidenschaft, es geht um Stolz – es geht um Menschen, die bereit sind, ein kleines bisschen mehr zu wagen

Tim Jacobsen

Nicht ihren Stellenwert halten, sondern mediale Aufmerksamkeit überhaupt erst gewinnen, mussten die Haudegen der Weltmeere: Vor wenigen Jahren zeigten noch nicht einmal Exotensender in Programmnot Austragungen des America´s Cups. Die Verlegung der Austragungsorte in die Buchten von Auckland, Valencia und San Francisco sorgte dann für Publikum ohne Ende, die Einführung fliegender Katamarane für Spektakel satt und Liveschalten zur besten Sendezeit.

Beim Volvo Ocean Race – der zweitwichtigsten Rennserie auf hoher See – ist eine Verlegung des Veranstaltungsortes nicht möglich, nicht zuletzt lässt sich eine Regatta rund um den Globus nun einmal nicht in einem etwas größeren Hafenbecken durchführen. Auch kämen die Zweirümpfer schnell an ihr Ende, könnte man nicht bei Starkwind die Segel, die in Wirklichkeit vertikal montierte Flügel sind, einfach abmontieren und sicher an Land verstauen; nicht zuletzt gibt es im Südpolarmeer nun einmal keine Versteckmöglichkeiten.

Den Organisatoren des Volvo Ocean Races blieb also nur, das ursprüngliche Format beizubehalten und sich darauf zu konzentrieren, was dieses Rennen so einzigartig macht – um danach dann einmal zu überlegen, wie sich die Jungen und Junggebliebenen denn überhaupt erreichen lassen. Radio, Fernsehen, Zeitung? Kommunikationschef Jon Bramley winkt ab: „Junge Leute sind da kaum noch unterwegs.“

Mit Facebook, YouTube und Twitter dagegen lässt sich nicht nur die Zielgruppe tatsächlich erreichen, der finanzielle Einsatz hält sich auch im Rahmen, solange der Inhalt stimmt – und der ist im Falle des Volvo Ocean Race schnell erzählt, wie Bramley am Rand der `boot´ in Düsseldorf betont: „Es geht um Mut, es geht um Leidenschaft, es geht um Stolz – es geht um Menschen, die bereit sind, ein kleines bisschen mehr zu wagen.“

Den Rennverlauf des vorletzten Volvo Ocean Race verfolgten weltweit 1,6 Mrd. Zuschauer. Das lag mit Sicherheit nicht nur an den bis zu 16 m hohen Wellen, denen die knapp 22 m langen Plastikschüsseln ausgesetzt waren, oder den Spitzengeschwindigkeiten von über 80 km/h, die erreicht wurden. Es lag mit Sicherheit auch nicht nur daran, dass Text, Bild, Ton und Video in einer Form aufbereitet wurden, die die Arbeit der Kollegen in den großen Agenturen beträchtlich erleichterte.

Es war auch nicht nur der bis zum Ende der letzten Etappe unklare Rennausgang oder Katastrophen wie der Mastbruch der AbuDhabi und die Pechserie der Sanyia – es waren vor allem die Kommunikationsprofis an Bord der einzelnen Schiffe, die den Zuschauerinnen und Zuschauern diese ihnen doch recht fremde Welt erschlossen und die maßgeblichen Anteil daran haben, dass das Hochseesegeln in Imageanalysen mittlerweile Formel 1 und Tour de France hinter sich lässt.

Es war unser westliches Nachbarland, das dem Publikumsmagneten Kom in de Kas Anfang April dieses Jahres das Motto „Gartenbau ist Hochleistungssport“ umhängte. Ein Mantel, der auch den deutschen Gärtnern gut steht. Konsequent kommuniziert, sollten sich damit die drängendsten Probleme beinahe wie von selbst lösen lassen. Schließlich herrscht im Gartenbau an Mut, Leidenschaft, Stolz und Menschen, die bereit sind, ein kleines bisschen mehr zu wagen, kein Mangel.

Tim Jacobsen

Hunderttausende Aktenzeichen ungelöst

Unter den Kommentatoren der großen deutschen Tageszeitungen wurde die Aussage der Kanzlerin, nicht alle Flüchtlinge könnten in Deutschland bleiben, als typisch Merkelsche Volte interpretiert, die ihr alle möglichen Rückzugsoptionen sichert – und gleichzeitig als eine Neuinterpretation des „wir schaffen das“ in ein „Flüchtlinge werden aufgenommen mit dem Ziel ihrer baldigen Rückkehr“. Klar ist aber auch, dass das mit dem Wollensollen so eine Sache ist – und dass, selbst wenn jeder zweite Flüchtling mehr oder weniger unverzüglich in seine Heimat zurückkehren sollte, die Bevölkerung Deutschlands dem Geburtenrückgang zum Trotz bis Ende 2016 den gängigen Prognosen zufolge dennoch um eine Million angewachsen wäre.

Und auch wenn Gewerkschaften, Regierung und Arbeitsagenturen Stein und Bein schwören, dass von Konkurrenz zwischen Neubürgern und heimischen Arbeitslosen keine Rede sein kann, liegt die Frage auf der Hand, wo ein Großteil der Flüchtlinge denn Fuß fassen soll, wenn nicht in Jobs, die auch für Langzeitarbeitslose in Frage kommen – selbst wenn naturgemäß signifikante Unterschiede zwischen diesen beiden Personengruppen bestehen:

Der Großteil der Flüchtlinge sind Männer unter 30 Jahren. Und obwohl man den meisten von ihnen wahrscheinlich zu Recht unterstellen kann, möglichst schnell Geld verdienen zu wollen – sei es, um in der Heimat verbliebene Menschen unterstützen oder Hilfestellung bei der Bewältigung des Fluchtweges vergüten zu wollen – sprechen die meisten Syrer und Iraker nicht allzu überraschend nun einmal kein oder kaum Deutsch. Auch Bildung und Ausbildung entspricht nur selten den hierzulande üblichen Erfordernissen.

Zu den Langzeitarbeitslosen wiederum – den Statistikern zufolge ebenfalls eine Bevölkerungsschicht mit der Größenordnung von etwa einer Million – zählen ältere Menschen, die in Auswahlverfahren nicht mehr zum Zuge kommen, sowie Menschen, denen es an Mobilität mangelt und Menschen, die sich nicht in einen strukturierten Arbeitsalltag eingliedern können oder möchten. So unterschiedlich die Ausgangslage, so ähnlich der Befund: die mangelnde Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt verhindert eine Eingliederung in diesen.

„Wenn wir ehrlich sind, haben wir nicht Integration betrieben, sondern Obdachlosigkeit vermieden“

Aydan Özoguz

Deshalb ist es kein allzu großes Geheimnis, dass es für die 350 000 offenen Stellen, die der Vorstand Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit, Detlev Scheele, jährlich mit Flüchtlingen besetzen möchte, vielleicht gar keine passenden Bewerber gibt. Auch die Erhöhung des Mindestlohns von 8,50 € auf 9 € wird die Einstiegshürden in den Arbeitsmarkt nicht weiter senken. Dazu kommt dann noch, dass die Kommunen durch den permanenten Zuzug überfordert sind – oder wie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, die Situation der Flüchtlinge Anfang Februar charakterisierte: „Wenn wir ehrlich sind, haben wir nicht Integration betrieben, sondern Obdachlosigkeit vermieden.“

Es ist eine relativ simple Rechenaufgabe, die zur Erkenntnis führt, dass es keine einfache Lösung geben kann – dass es für die Hunderttausenden von Flüchtlingen weder genug Lehrer für dringend benötigte Deutschkurse gibt, noch genug Kitaplätze oder weiterführende Ausbildungsmöglichkeiten. Bezeichnend, dass die Antwort der Politik auf Langzeitarbeitslosigkeit und Integration von Flüchtlingen ähnlich ist: staatlich unterstützte Förderprogramme sollen es auf lange Sicht richten. Nur schießt das vielleicht über das Ziel hinaus: wenn nun jemand gar nicht jahrelang ausgebildet werden mag, sondern lieber möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen möchte, sollte dies auch auf offiziellem Weg möglich sein.

Und wenn sich jemand tatsächlich auf die Reise durch die Bildungsinstitutionen begeben will, sollten dem Tür und Tor geöffnet werden. Initiativen wie der von den „Experten für Garten & Landschaft“ ins Leben gerufene BGL-Lotse -„eine Schaltstelle zwischen Behörden, Unternehmen und Asylsuchenden“- oder dem vom ZVG entwickelten Ausbildungskonzept „Gärtner 1+3“ gebührt deshalb jedwede Unterstützung. Und mit Sicherheit hat Zentralverbandspräsident Jürgen Mertz vollkommen Recht, wenn er zu bedenken gibt: „Eine Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist wichtig. Diese müsse aber mit Augenmaß vorgenommen werden“ und im September letzten Jahres noch vor „blindem Aktionismus“ warnt. Das ZVG-„Instrument für eine erfolgreiche Integration in den Ausbildungs- und damit Arbeitsmarkt“ datiert aber aus dem Jahr 2013 – so lange sind nicht einmal Afrikanische Elefanten schwanger.

Tim Jacobsen

Wir schaffen das!

Will ein Land zu den 24 bevölkerungsreichsten Staaten der Welt zählen, muss es mehr als 60 Mio. Einwohner aufweisen – und damit genauso vielen Menschen ein Zuhause bieten, wie letztes Jahr weltweit auf der Flucht waren. Ist diese Zahl für sich genommen schon erschreckend genug, sind es die Zuwachsraten noch viel mehr: knapp ein Fünftel mehr als 2013 – und ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen.

Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, António Guterres, befürchtet gar: „Wir geraten in eine Epoche, in der das Ausmaß der globalen Flucht und Vertreibung sowie die zu deren Bewältigung notwendigen Reaktionen alles davor Gewesene in den Schatten stellt.“

Drei Jahrzehnte lang hatte Afghanistan die traurige Liste der Länder angeführt, aus denen die meisten Menschen fliehen, mittlerweile wurde es von Syrien abgelöst – zusammen mit Somalia stammt die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit aus einem dieser drei Länder.

Setzt man Wirtschaftskraft und Flüchtlingsaufnahme in Relation, landeten letztes Jahr Äthiopien, Pakistan und Tschad unter den Ländern, die Flüchtlinge aufnehmen, auf den ersten Plätzen; die in absoluten Zahlen meisten Flüchtlinge nahmen 2014 die Türkei und Pakistan auf – in Relation zur Einwohnerzahl gesetzt, liegt der Libanon weit vorne.

Die Rechnung, wie viele Flüchtlinge Deutschland im Vergleich zum Libanon aufnehmen müsste, greift dann allerdings zu kurz: nicht nur die Unterbringungssituation ist eine andere, zu unterschiedlich sind auch die Perspektiven der Flüchtlinge, die den kurzen oder den langen Weg gewählt haben – auch wenn das Schicksal jedes einzelnen der mehr als 400 000 Kinder mehr als nur beklagenswert ist, denen allein im Libanon derzeit der Zugang zu Bildung verwehrt bleibt.

„Wir schaffen das“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Anne Will-Interview, ohne genau zu verraten, was wir eigentlich schaffen wollen. Wahrscheinlich hatte sie nicht den Pragmatismus im Sinn, den die Nordnorweger an den Tag legen, die angesichts des nahenden Winters dem unter Syrern zwischenzeitlich zum Geheimtipp avancierten nördlichsten Grenzübergang Europas eine zunehmende Unbeliebtheit prognostizieren. Wahrscheinlich dachte sie eher an die Art von Pragmatismus, der sich mit der Ankunft der ersten Züge aus Ungarn in München breit machte.

Schließlich beweist jeder Tag aufs Neue, dass Gesetzesverschärfungen und Zäune nichts an den Fluchtgründen ändern, und dass der Versuch einer Unterscheidung zwischen Wirtschaftsflüchtling oder politisch Verfolgtem angesichts kollabierender Staaten in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten nicht zielführend sein kann. Vielmehr gilt es, Migration als Tatsache zu akzeptieren.

Da hilft es dann auch nicht, die Schuld des Westens am Machtvakuum im Mittleren Osten zu debattieren oder darüber zu schwadronieren, wie kluge Außenpolitik in den Herkunftsregionen zu Stabilität, Sicherheit, Frieden und Freiheit beitragen könnte.

Denn selbst wenn sich die wenig ruhmvolle Rolle Deutschlands als Waffenhändler, als Auftraggeber billigstproduzierter Kleidung, die einmal getragen als Exportartikel der örtlichen Textilindustrie den Garaus macht, als stets Rekordmeldungsverdächtiger Exporteur landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die vor Ort die einheimische Produktion unrentabel machen, auf einen Schlag ändern ließe, hätte das keine Auswirkung auf die Menschen, die bereits bei uns oder auf dem Weg zu uns sind.

An diesem Punkt ist Innenminister Thomas de Maizière Realist: „Es ist Zeit, neue Wege zu gehen“. Er geht nicht von einem nennenswerten Rückgang der Flüchtlingszahlen aus, und erwartet, dass vier von zehn Flüchtlingen bei uns bleiben wollen. Da hilft dann auch kein Bundespräsident Joachim Gauck mit: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten endlich.“ Während sich die Bankanalysten angesichts des unerwarteten Flüchtlings-Konjunkturprogramms die Hände reiben, frohlocken die Verbände, die nach Arbeitskräften schreien, angesichts von 600 000 offenen Stellen und über einer 1 Mio. Zuwanderern.

Zwar stimmt es, dass das Beschäftigungswachstum mit dem Wirtschaftswachstum in unserem Land zuletzt nicht Schritt hielt, und dies ein Indikator dafür ist, dass unter den derzeit 2,7 Mio. Arbeitslosen die benötigten Qualifikationen nicht zu finden sind – ganz von der Hand weisen lassen sich aber auch die Einwände von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles nicht: „Nicht alle, die da kommen, sind hoch qualifiziert. Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall.“

„Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten endlich“

Bundespräsident Joachim Gauck

Dennoch bleibt zu hoffen, dass Daniela Rixen von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein Recht behält, die angesichts von Flüchtlingszustrom und Arbeitsbedarf auf den Höfen und in den Gartenbaubetrieben von einer Win-Win-Situation spricht. Denn unbestritten gelten reguläre Beschäftigungsverhältnisse als Königsweg zur Integration, wie auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel bekräftigt: „Schaffen wir es, die Menschen, die zu uns kommen, schnell auszubilden, weiterzubilden und in Arbeit zu bringen, dann lösen wir eines unserer größten Probleme.“

Die Schweizer, spätestens seit ihrem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ausgewiesene Migrationsverhinderer, gehen das Problem akademisch an: mehrere Dutzend Flüchtlinge müssen sich drei Jahre lang auf zehn Betrieben beweisen, bevor eventuell in diese Richtung weitergedacht wird. Anders als beispielsweise in Schleswig-Holstein, steht der dortige Bauernverband den neuen Mitbürgern kritisch gegenüber.

SBV-Präsident Markus Ritter: „Bisher hatten wir viele Arbeiter etwa aus Polen und Portugal, die teils aus landwirtschaftsnahen Betrieben oder direkt aus der Landwirtschaft kamen. Jetzt müssen wir klären, wie die körperliche Leistungsfähigkeit, aber auch ihre grundsätzliche Bereitschaft ist, auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu arbeiten.“

Die Schweizer haben aber auch gut Lachen: Insgesamt 30 000 Asylbewerber werden dort für das gesamte Jahr 2015 erwartet – so viele, wie zuletzt jedes Wochenende nach München kamen.

Tim Jacobsen

Alle Jahre wieder

Wenn in einer Delikatess-Schinken-Bockwurst nicht ausgeschlossen werden kann, „dass sich in einzelnen Verpackungen ein vergleichbares Produkt mit Käse befindet“, so klingt das erst einmal nicht unbedingt lebensbedrohlich – zumindest, solange man nicht empfindlich auf Milch, Milchbestandteile oder Senf reagiert und eben gerade dabei ist, genau eine solche Wurst zu verzehren.

Schlimmer wäre mit Sicherheit, in einen der Pilze der Gattung Amanita zu beißen, die in den Frischen-Steinpilzen-in-Papierkörben-zu-400g versteckt sein könnten, da Knollenblätterpilze aus gutem Grund traditionell eher nicht zum Verzehr empfohlen werden. Auch auf die gesundheitsgefährdenden Bakterien mit dem Namen E. coli und dem Stx1-Gen, die in einem Roquefort-Blauschimmelkäse gefunden wurden, verzichtet man wohl lieber freiwillig.

Das war es dann aber für den Monat Oktober auch schon mit offiziellen Warnmeldungen im Sinne des § 40 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches. Weitere Erzeugnisse, von denen „eine Gefährdung für die Sicherheit und Gesundheit ausgeht oder ausgegangen ist“ oder die als „nicht gesundheitsschädlich, aber zum Verzehr ungeeignet“ klassifiziert hätten werden können, hatten in den letzten vier Wochen weder die Bundesländer noch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ausfindig machen können.

Von dem von Greenpeace gefundenen `Gifteinsatz von der Blüte bis zum Apfel´ sowie den `Pestizid-Cocktails in deutschen Äpfeln´ haben die Behörden entweder nichts mitbekommen oder einen ähnlich kühlen Kopf bewahrt wie die Kollegen von Spiegel Online, die Mitte Juni die Veröffentlichung von `Der bittere Beigeschmack der europäischen Apfelproduktion´ mit der Überschrift kommentierten: `Greenpeace über Pestizide – Viel Drama um fast nichts´.

Was war passiert? Im April 2015 ließ Greenpeace 49 Bodenproben konventionell bewirtschafteter Apfelplantagen aus zwölf europäischen Ländern analysieren und fand in 64 der 85 Proben Rückstände, darunter auch die Aufregerwirkstoffe Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), Carbendazim, Imidacloprid sowie Fluquinazol. Die im alten Land gefundenen 0,184 mg DDT pro Kilogramm Boden lagen dann allerdings um mehr als das 200-fache unter dem Grenzwert, wie er beispielsweise für Kinderspielflächen gilt. „Nachteilige Auswirkungen … nicht zu erwarten“, bzw. „… unkritisch …“ lauteten dann auch die Kommentare des BVL zu den gefundenen Rückstandsmengen.

Im weiteren Saisonverlauf nahm Greenpeace dann Blüten-, Blatt- und Fruchtproben und fand heraus, dass im Obstbau Pflanzenschutzmittel verwendet werden, und dass gegen Ende der Saison weniger häufig als zur Hauptwachstumszeit gespritzt wird. Für diese Mitte Oktober veröffentlichten Erkenntnisse hätte es allerdings keine aufwändige Analytik gebraucht, ein Blick in Ulrich Sachwehs `Der Gärtner´ wäre vollkommen ausreichend gewesen.

Ungesund ist letztendlich nur der Apfel, der aufgrund irreführender Berichterstattung nicht gegessen wird

Tim Jacobsen

Eine Woche später dann der nächste Streich: in 90 von 109 untersuchten Äpfeln aus konventioneller Produktion konnten Pflanzenschutzmittelrückstände nachgewiesen werden. Zum Leidwesen nicht nur des Industrieverbandes Agrar, der das Ganze mit „Greenpeace-Kampagne grenzt an Verbrauchertäuschung“ kommentierte, machte sich von den Kollegen der Publikumspresse keiner die Mühe, die Pressemitteilung von Greenpeace über den dritten Absatz hinaus zu lesen. Dort steht schließlich explizit, dass die Analyseergebnisse nicht bedeuten, „dass der Konsum der Äpfel direkt und akut gefährdend für Konsumenten ist. Hierfür sind die nachgewiesenen Belastungen zu niedrig.“

Im Kampf um Leser konnte aber weder der Stern mit „Deutsche Äpfel sind voller Pestizide“ noch die Frankfurter Rundschau mit einer Eins-zu-eins-Übernahme „Pestizid-Cocktails in deutschen Äpfeln“ einem möglichst reißerischen Aufmacher widerstehen. Den vorläufigen Höhepunkt der Kampagne markierten am 24.10.2015 Greenpeace-Aktivisten, die in mehreren deutschen Städten vor den Filialen verschiedener Supermarktketten mit dem Slogan „Pestizide schaden der Artenvielfalt“ beim Verbraucher aber wohl eher für Verwirrung statt für Aufklärung sorgten.

Dass der Pflanzenschutz keineswegs still und heimlich dabei ist, sich zu einem der großen Greenpeace-Themen zu mausern, lässt sich auch daran ablesen, dass sich im bisherigen Jahresverlauf jede zehnte der über 100 Greenpeace-Presseerklärungen daran abmüht. Fast wünscht man sich zurück in die Zeit der Atommeiler, die als klares Feindbild bei dem in Hamburg ansässigen Verein für Spenden satt sorgten.

Gewisse Parallelen sind dann auch nicht abzustreiten, genauso wie ein Leben ohne Elektrizität kaum mehr vorstellbar ist, ist die regelmäßige Kalorienzufuhr eine unserer wichtigsten Überlebensstrategien. Und genauso wie das Thema Energieerzeugung für den Laien nicht einfach zu ergründen ist, dient die gesamte Lebensmittelproduktion aus Greenpeace-Sicht anscheinend nur dazu, die eigenen Kunden systematisch zu vergiften.

Und das ist der eigentliche Aufreger an der Geschichte: ungesund ist letztendlich nur der Apfel, der aufgrund irreführender Berichterstattung nicht gegessen wird.

Tim Jacobsen

Möglichkeiten über Möglichkeiten

Exklusiver geht kaum: insgesamt nur zwölf Menschen waren jemals auf dem Mond, der letzte im Jahr 1972 – fast genauso schwer zu toppen ist es, der Europäer zu sein, der am längsten im Weltall war. Kein Wunder, war der niederländische Astronaut André Kuipers dann auch einer der Zugvögel des Greentech Summits Anfang Juni, mit dem die umtriebigen Messeorganisatoren den Fokus auf die nächstes Jahr zum zweiten Mal stattfindende Messe gleichen Namens lenken wollten.

Nur achteinhalb Minuten dauert es, bis sich nach dem Start die Raketen lösen und der schwerelose Blick durch das Bullauge auf einmal unseren Globus aus Marsmännchenperspektive zeigt, und, wie Kuipers verriet, viel Schönes, aber auch viel Erschreckendes offenbart. Grund genug, dass sich Kuipers nach seiner aktiven Zeit selbst zum Botschafter des Planeten Erde ernannte und seitdem mit „Wir sind alle Astronauten an Bord des Raumschiffes Erde“ für die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen wirbt.

Thematisch hätte der Einstieg in dieses Gipfeltreffen der Gartenbaubranche nicht besser gelingen können, auch, weil Richard van Hooijdonk anschließend Entwicklungen aufzeigte, die unser Leben binnen kurzem ähnlich radikal verändern werden, wie dies die Dampfmaschine im 18. Jahrhundert tat. Er verheimlichte in all seiner Euphorie nicht, dass das hinter Robotik, Internet der Dinge, Wearables sowie 4D-Druck stehende einigermaßen ominöse Big Data auch Orwellsche Fantasien wahr werden lassen kann sowie ganz neue Formen von Kriminalität ermöglicht.

„Wir sind alle Astronauten an Bord des Raumschiffes Erde“

Astronaut André Kuipers

Mit je nach Sichtweise drohenden oder heilsversprechenden Technologien ging es danach munter weiter: Erik Pekkeriet und Martijn Wisse gaben einen Einblick in den aktuellen Stand der Roboterforschung, der sich am ehesten mit `es ist alles möglich´ und `wenn nicht heute, dann auf jeden Fall in Bälde´ zusammenfassen lässt. Allerdings sollte man neben dem nötigen Kleingeld auch ein eher waghalsigeres Naturell besitzen, will man zu den Pionieren gehören.

Tim Clapp führte am Beispiel der sog. Teebeutel vor, dass der B&Q-Claim `One planet home´ mehr als nur heiße Luft in Zeiten von Nachhaltigkeitsdebatten ist, und dass, so ausgereizt Entwicklungen uns auch erscheinen mögen, immer noch deutlich mehr möglich ist. Und so klein der Beitrag dieses speziellen Anzuchtsystems angesichts des globalen Müllaufkommens auch erscheinen mag, so groß können viele kleine Beiträge in der Summe sein. Wie auch der von Alice Wang vorgestellte Obst- und Gemüsesaftkonzentrathersteller Haisheng Fresh Fruit Juice Co., der beim Sprung vom unbedeutenden Saftladen hin zur weltweiten Nr. 1 nicht vergaß, die lokal ansässige Bevölkerung mit auf diese Reise zu nehmen und den Gartenbau in der Region auf ein Niveau zu heben, das international keinen Vergleich zu scheuen braucht. Ähnliches auch von Erik Holm und Ian van Brouwershaven, die den südafrikanischen Farmmogul ZZ2 vorstellten und ihr Programm Natuurboerdery erläuterten, mit Hilfe dessen das viele Millionen schwere Unternehmen seit 2002 vollständig auf Ökolandbau umstellt.

Verstecken muss sich auch der ehemalige Banker Faris Farrag nicht, der mit Bustan Aquaponics eine beeindruckend wassersparende Lösung für den Pflanzenbau in Wüstengebieten vorstellte. Die Verbindung von Gemüsebau und Fischzucht wählten auch die Urban Farmers Roman Gaus und Mark Durno, ohne die derzeit kaum ein Podium auszukommen scheint – wobei das zugrundeliegende Prinzip keineswegs eine revolutionäre Neuentdeckung ist, einmal mehr aber zeigt, dass brillante Ideen ohne jemanden mit Charisma und Durchsetzungsvermögen für immer nur Ideen bleiben.

Ohne Tomaten und Tillapias kommt Bill Watts´ Sahara Forest Project aus. Wie der Name verrät, wurde es für Wüstenregionen konzipiert und verspricht mit einer Kombination technischer und pflanzenbaulicher Maßnahmen reiche Ernten, ohne das Vorhandensein von Süßwasser. Und dass auch in unseren Breiten ohne allzu großen Aufwand noch beträchtlich ökologisiert werden kann, bewies Robert Kielstra am Beispiel des Agriports A7: Durch gezielte Anwerbung von Unternehmen, deren Abfallprodukte gerne von den Unterglasgärtnern verwendet werden, sammelt das Gewächshausgebiet nicht nur in der Außendarstellung Punkte.

So gesehen hätte der Summit auch als Vorschau auf die nächstes Jahr zu erwartenden Neuheiten durchgehen können, wäre da nicht Joseph Simcox gewesen, der schon in jungen Jahren allenfalls auf den Fußballplatz ging, um die dort wachsenden Gräser zu studieren:

Nachdem er in Amsterdam sein Befremden darüber geäußert hatte, dass man anscheinend einen ganzen Tag über Gartenbau reden könne, ohne auch nur einmal das P-Wort Pflanze zu erwähnen, tat er dies zu genüge: anhand einer botanischen Weltreise machte er mehr als deutlich, dass das gegenwärtige Obst- und Gemüseangebot nur einen Bruchteil dessen darstellt, was es weltweit an Essenswertem gibt. Zumal viele dieser Kulturarten dann nicht nur den agronomischen Kennzahlenvergleich mit dem gängigen, züchterisch bearbeiteten Sortiment nicht zu scheuen brauchen, sondern durchaus als kulinarische Leckerbissen durchgehen können und zudem an Lebensumstände adaptiert sind, bei denen unsere Frischethekenstammmannschaft schon lange schlapp macht.

Tim Jacobsen

Der Skandal, der nie aufgeklärt wurde

Von Null auf Krise in vier Tagen: wurde am Abend des 21.5.2011 die Schuld für das verstärkte Auftreten schwerer bakterieller Durchfallerkrankungen in Norddeutschland noch bei den üblichen Verdächtigen gesucht, rückten einen Tag später Obst und Gemüse in den Fokus der Epidemiologen. Von da ab war es nur noch ein kleiner Sprung hin zu reißerischen Verzehrswarnungen, die bei Kantinen- und Supermarktkunden gleichermaßen zu einem Rohkostboykott führten.

Ungewollt markierte das Robert Koch-Institut am 25.5.2011 einen der Höhepunkte der weiteren Entwicklung. Verschiedene Presseagenturen deuteten die Empfehlung des Bundesinstituts „vorsorglich bis auf Weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren“ um in ein „Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland“.

„Es sind die Sprossen“, verkündete Prof. Dr. Reinhard Burger, Direktor des Berliner Robert Koch-Instituts schließlich am 10.6.2011. Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann bezeichnete im Nachrichtenmagazin `Focus´ den Bienenbütteler Bienenhof vielsagend als „die Spinne im Netz“. So erdrückend die Indizienlage auch gewesen sein mag, hatte die Theorie jedoch von Anfang an einen Haken: In keiner der auf dem Hof gezogenen Proben konnte der gefährliche Darmkeim O104:H4 nachgewiesen werden.

Der Sprossenbetrieb wurde stillgelegt, die EHEC-Welle ebbte ab und Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr verkündeten unisono, dass sie die Infektionsquelle „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ gefunden hatten.

„Es sind die Sprossen“

Prof. Dr. Reinhard Burger

Die Krise war bewältigt, Hygienevorschriften, Sicherheitskriterien und Einfuhrvorschriften wurden verschärft, 16 Mio. € Schmerzensgeld für die gebeutelten deutschen Gemüsebauern bereitgestellt – darüber gerieten dann auch die 53 Toten sowie die 3 842 teils schwer erkrankten Menschen schnell in Vergessenheit. Beklagenswert, aber in diesem Sinne nicht weiter verwunderlich, fand dann auch die von Foodwatch im Mai 2012 publizierte Analyse „Im Bockshorn“ genauso wenig Medienecho wie das Mitte Juni 2013 erfolgte Eingeständnis des Robert Koch-Instituts, dass nur ein gutes Zehntel der Erkrankungen erklärt werden kann.

Kommunikationsprofi Björn Wojtaszewski wundert das nicht: „Kommunikativ betrachtet, haben Lebensmittelskandale eine ähnliche Dramaturgie wie das klassische Drama: Ein Missstand wird bekannt. Daraufhin führt ein Schlüsselereignis zur Eskalation. Nach dem Höhepunkt des Skandals beginnt der Spannungsabfall. Konsequenzen werden angekündigt, bis schließlich die vermeintliche Normalität wieder Einzug hält. Das Paradoxe und schwierige ist, dass Krisen heutzutage im Ernährungsbereich schon fast der Normalzustand sind.

In wirtschaftlicher Hinsicht trifft es die Erzeuger dabei besonders hart. Aus kommunikativem Blickwinkel betrachtet, zählen sie meist zu den Verlierern. Das liegt auch daran, weil die Rollen im Meinungsmarkt oft vereinfacht dargestellt werden. Auf der Seite der Guten steht der Verbraucherschutz. Auf der Verursacherseite tummeln sich – im Rollenklischee der Medien – skrupellose Geschäftemacher, schwarze Schafe und Kriminelle.

Dieses Muster kann sich wiederholen, da die Bedeutung und Rolle einer aktiven Kommunikation noch immer sträflich unterschätzt werden.“ Die Ausrede, der Einzelne könne doch überhaupt keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen, lässt Wojtaszewski nicht gelten: „Als professionell agierender Erzeuger und Unternehmer muss ich mir über mögliche Risikopotenziale in der Kommunikation rechtzeitig Gedanken machen. Aus kommunikativer Sicht setzt das jedoch voraus, dass ich beispielsweise die Möglichkeiten der Medienkommunikation erkenne. Ich kann diese auch zu meinem Vorteil nutzen und beispielsweise bereits im Vorfeld aktiv kommunizieren, um den Absatz zu fördern. Wer versteht, dass man heutzutage in die Außendarstellung investieren muss, wie in andere Produktionsmittel auch, wie in andere Produktionsmittel auch, der ist meist weiter als viele Wettbewerber.“

Wojtaszewski möchte auf keinen Fall missverstanden werden: „Wenn Todesfälle auftreten, hat der Verbraucherschutz ganz klar die oberste Priorität. Dass eine Warnung vor dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel dann wirtschaftliche Konsequenzen hat, ist unvermeidlich. Nimmt man den Blickwinkel der Erzeuger ein, dann müsste die Frage vielmehr lauten, was sie unternehmen können, um den Schaden mit zielgerichteter Kommunikation wirtschaftlich möglichst zu begrenzen. Aufgrund der weltweiten Markt- und Handelsstrukturen und der Vielzahl der Wettbewerber gibt es hier aber keine Patentlösung.“

Leichtsinnig wäre, darauf zu vertrauen, dass Verbände oder Ministerien im Fall der Fälle Lösungen aus dem Hut zaubern können: „Professionelles Krisenmanagement setzt voraus, dass die Betroffenen möglichst schnell und angemessen kommunizieren und den weiteren Krisenprozess verantwortungsvoll mitbegleitet.“ Die Grundsteine dafür müssen im Vorfeld gelegt werden.

Tim Jacobsen

Das Internet der Blumen

War es in der Elterngeneration der sich heutzutage auf halbem Wege zwischen Schule und Verrentung befindlichen Mittvierziger der Siegeszug des PCs, der beruflich und privat so manchen überrollte, gelten die Kinder dieser auch Generation X genannten Altersgruppe als erste echte `Digital Natives´: Schon im zartesten Kindesalter unausweislich mit Smartphones und Tablets konfrontiert, unterscheidet sich der Umgang der nach 2000 geborenen mit der mobilen Allverfügbarkeit von Computergeräten gravierend von der `etwas´ reservierteren Haltung ihrer Altvorderen.

Von daher könnten die Internetpropheten durchaus Recht haben, die behaupten, dass die Jüngeren und Jüngsten die Deutungshoheit über das Internet schon längst übernommen haben. Weshalb Entwicklungen wie die Quantified Self-Bewegung einhergehend mit dem permanenten, öffentlichen Erbringen von Leistungsnachweisen zwar vielleicht bei denen mit den ersten grauen Haare ein sicherlich nicht unberechtigten Kopfschütteln führen, als Ganzes aber eine wahrscheinlich unumkehrbare Richtung vorgeben.

Gleichzeitig passiert im mehr oder weniger Verborgenen etwas, was die Einführung neuer Technologien seit jeher begleitet hat: es werden haufenweise Dinge entwickelt, deren praktischer Nutzen zumindest auf den ersten Blick zweifelhaft ist. Dabei ist es aber in gewisser Weise so, dass es ohne den letztendlichen Entwicklungsschritt unmöglich wäre, über den tatsächlichen Nutzen dieser Erfindungen Aussagen treffen zu können. Und natürlich gehen die Entwicklungen oft in eine Richtung, aus der auch das große Geld winkt. Und das ist dann gemeinhin häufig der Pharmabereich.

So stand auch bei den Touchables, die Mitte Februar auf den Markt kamen, ursprünglich ein Projekt Pate, das Menschen mit Gedächtnisschwierigkeiten dabei helfen sollte, ihren Alltag mit Hilfe funkchipcodierter Buttons und der Gedächtnisstütze in Form eines Smartphones einfacher meistern zu können. Allerdings zeigte sich, dass die Generation, die hauptsächlich mit Erinnerungsverlusten zu kämpfen hat, eben auch nicht die technikaffinste Bevölkerungsschicht ist. Viel eher lassen sich von so etwas dann die Jüngeren begeistern.

Und die bringen dann ja auch eine Menge Vorteile mit sich: Zum einen haben sie überhaupt keine Scheu vor der Nutzung technischer Innovationen, zum anderen ist ihnen der permanente Einsatz von mobilen Endgeräten bereits derart in Blut und Fleisch übergegangen, dass sie es in keinster Weise seltsam finden, von ihrem Telefon daran erinnert zu werden, Obst zu essen oder die Blumen zu gießen. Und genau das ist, was die Touchables neben Dingen wie Autos wieder zu finden oder den Süßigkeitenkonsum zu zügeln können.

Ursprünglich stand bei den Touchables ein Projekt Pate, das Menschen mit Gedächtnisschwierigkeiten dabei helfen sollte, ihren Alltag mit Hilfe funkchipcodierter Buttons und der Gedächtnisstütze in Form eines Smartphones einfacher meistern zu können

Julian Pye

Und das funktioniert so: Buttongroße Aufkleber werden beispielsweise an der Obstschale oder  dem Blumentopf befestigt. In diesen Aufklebern sitzen nun Antennen, die mit dem Smartphone kommunizieren können. In erster Linie liest das Telefon in einem begrenzten Umkreis dann eine Art Identifikationsnummer des Buttons aus. Und diese lässt sich mit Hilfe der dazugehörigen App mit weiterer Information füllen. So kann beispielsweise der Blumentopf mit der Information „Bitte alle drei Tage gießen“ verknüpft werden. Denkbar ist auch eine Obstschale mit „Fünf am Tag“ oder die Bonbonniere mit „Nicht mehr als fünf am Tag“.

Ist es dann soweit, dass die Blumen wieder einmal gegossen werden müssen oder die gesundheitsfördernde Mindestanzahl von Obst und Gemüsen noch nicht erreicht bzw. die Süßigkeitenanzahl überschritten ist, bekommt der Nutzer einen freundlichen Hinweis auf sein Display. Im Fall der Blumen und der Obstschale kann der Warnhinweis mit dem Scannen des entsprechenden Buttons abgestellt werden, im Fall der Süßigkeiten hilft wohl nur, zumindest den Button aus der Funkreichweite des Telefons zu halten.

Und das muss dann ja bei weitem noch nicht das Ende der Fahnenstange sein: Warum nicht beispielsweise die Codierung mit Informationen zum Produkt spicken? So könnte beispielsweise der Blumentopfbutton auf Informationen in einer Datenbank zurückgreifen, die sortenspezifisch mit Standortdaten und Wetterprognosen verknüpft eine zumindest semiprofessionelle Bewässerungssteuerung auf der Fensterbank erlauben würde – und dies ganz ohne kostspielige Sensoren.

Genauso ließe sich auch der Diätplan unter Einbeziehung persönlicher Vorlieben, Aktivitätsmuster und Gesundheitsrisiken spielend leicht in Richtung Obst- und Gemüseverzehr lenken. Natürlich sollte man datenschutzrechtliche Bedenken nicht auf die leichte Schulter nehmen – die kaum vorstellbare Anzahl von innerhalb eines Zeitraums von nur sieben Jahren weltweit verkauften 650 Mio. iPhones, die ja dann in den meisten Fällen doch hauptsächlich als Zugangsportale zu den sozialen Medien genutzt werden, zeigt aber, dass diese Bedenken generell weniger schwer wiegen, zumal die Marke mit dem angebissenen Apfel ja auch nur einen kleinen Teil des Smartphonemarktes abdeckt und es die gesamte Produktkategorie vor 2007 ja auch noch überhaupt nicht gab.

Tim Jacobsen

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